Niemand wusste, wie viel Zeit vergangen war. Auf der grün schimmernden Seefläche öffnete sie die Augen und sah, dass sie auf einer riesigen Lotusblüte lag. Als sie sich aufsetzte, erblickte sie ein Meer von Lotusblüten. Auf einer Lotusblüte nicht weit von ihr saß Duozhi mit geschlossenen Augen und strahlte ein Licht aus, das bald hell, bald dunkel aufleuchtete. Von Zeit zu Zeit stieg Gift wie Dampf aus seinem Körper empor. Dabei wunderte sich gerade, als sie merkte, dass an ihr selbst etwas nicht stimmte: Ihr Körper war zu einem durchsichtigen Kristallkörper geworden, in dem eine Lichtsäule nach der anderen aufglänzte. Sie bewegte Arme und Beine – der Körper war leicht geworden, es war, als spürte sie ihn nicht mehr. Dabei war überglücklich; sie wusste, dass das Gift aus ihrem Körper entfernt worden war. Sie dachte: Dies muss gewiss der Ort des Tausendarmigen, Tausendäugigen Göttlichen sein. Und auch Duozhi, so denke ich, hat sicher die Hilfe des Göttlichen erhalten und ist deshalb zu dem geworden, was er jetzt ist. Als sie daran dachte, fiel ihr plötzlich ihre Mission ein. Sie stand sogleich auf, sah sich in alle Richtungen um und ließ den Blick über das Meer schweifen.
„Tausendarmiger, Tausendäugiger Göttlicher, wo bist du?“ In diesem Augenblick kamen zehntausend Strahlen goldenen Lichts von allen Seiten an einem einzigen Ort zusammen. An der Stelle, wo sich das goldene Licht sammelte, erschien eine alte Frau mit völlig weißem Haar. Die alte Frau ließ sich aus der Luft vor Dabei herab und sagte.
„Kind, bist du aufgewacht?“
„Mhm … Verehrte Alte, seid Ihr es, die mich gerettet hat? Seid Ihr der Tausendarmige, Tausendäugige Göttliche?“ Dabei schaute die gütige alte Frau vor sich an und fragte aufgeregt.
„Kind, ihr seid gerade eben in der Licht-Illusionswelt alle vom göttlichen Licht festgehalten worden. Ich habe euch hierher gebracht. Ich bin nicht der Tausendarmige, Tausendäugige Göttliche, ich bin nur seine Dienerin. Der Göttliche wohnt auf der Insel des Entstehens in Abhängigkeit dort vorne – schau!“ Der Richtung folgend, in die die alte Frau mit dem Finger zeigte, sah Dabei in einiger Entfernung eine einsame Insel, ringsum von dichtem weißem Nebel umgeben, unergründlich tief, und man konnte nicht sagen, ob es Wasser oder Licht war.
„Kind, kommst du von Duobao Ruyi Wang?“ fragte die alte Frau plötzlich.
„Woher wisst Ihr das?“ Dabei erschrak.
Die alte Dame lachte leise vor sich hin. Während sie lachte, spürte Dabei, wie eine warme Strömung durch ihren ganzen Körper floss.
„Ich bin schon auf eurem Planeten gewesen. Das Mani-Juwel auf deiner Brust und der Spiegel des Himmlischen Auges sind Schätze von Duobao Ruyi Wang.“
Während die alte Dame sprach, blickte sie auf Dabeis Brust. Dabei konnte nicht anders, als ebenfalls den Kopf zu senken und hinzusehen, und bemerkte erst jetzt, dass sich das Mani-Juwel und der Spiegel des Himmlischen Auges, seit sie zu einem Kristallkörper geworden war, aus ihrem Körper gelöst hatten und man sie, weil der Körper durchsichtig war, von außen direkt betrachten konnte.
„Alte Dame, habt Ihr meinen Vater, den König, gesehen?“ Als Dabei hörte, dass die alte Dame auf ihrem Planeten gewesen war, war sie überglücklich.
„Du bist also wirklich die Tochter von König Duobao Ruyi. König Duobao Ruyi ist wahrlich von großem Mitgefühl, dass er sogar seine eigene Tochter auf den Planeten geschickt hat, auf dem sich die fünf Gifte versammeln.“
Die alte Dame kam gar nicht dazu, Dabeis Frage zu beantworten. Sie pries nur unaufhörlich das Kind.
„Der Tausendarmige, Tausendäugige Göttliche hat mich angewiesen, hier auf dich zu warten – seit über 200 Jahren. Endlich bist du gekommen. Er hat mich gebeten, dir dieses Buch zu übergeben.“
Während sie sprach, holte die alte Frau aus dem Stoffbeutel, den sie bei sich trug, ein Buch hervor. Eilig nahm Dabei das Buch mit beiden Händen entgegen. Auf dem Umschlag des Buches stand ein großes Schriftzeichen „Rund“. Das Zeichen betrachtete Dabei und fragte sich, was es wohl bedeuten mochte. Da begann das Zeichen plötzlich, sich auf dem Papier zu drehen, und strahlte unzählige goldene Lichtstrahlen aus. Dieses Licht verband sich einen Augenblick lang mit dem weißen Licht in Dabeis Körper, und das goldene Licht wurde in Dabeis Inneres eingesogen. Das Zeichen auf dem Umschlag verschwand daraufhin. Dann schlug sie das Buch auf – es war völlig leer – und blätterte das ganze Buch hastig durch: kein einziges Schriftzeichen. Als die alte Frau Dabeis ratloses Gesicht sah, sagte sie: „Kind, das ist das Himmlische Buch ohne Worte. Wenn du eine Verbindung zu ihm hast, wird es Schriftzeichen oder Bilder erscheinen lassen, um dir Hilfe und Wegweisung zu geben.“
Dabei sagte: „Verehrte Alte, können Sie uns zur Insel des Entstehens in Abhängigkeit bringen? Ich möchte den Tausendarmigen, Tausendäugigen Göttlichen so bald wie möglich sehen.“
Die alte Frau lächelte geheimnisvoll und sagte: „Kind, auf die Insel des Entstehens in Abhängigkeit kann man ohne karmische Verbindung nicht einfach so gehen. Siehst du, rings um die Insel liegt ein unermesslich tiefer Abgrund, und darunter befinden sich Giftgase und ein Giftmeer. Einst hausten neun böse Drachen in diesem Abgrund; später wurden sie vom Göttlichen bezwungen und zu Schutzgottheiten der Insel gemacht. Die Illusionswelten auf der Insel sind unergründlich und wandelbar. Vor 200 Jahren bin ich einmal auf diese Insel gestiegen. Es gibt dort den Löwenkönig, Phönixe, Pfauen und allerlei seltene Vögel und wundersame Tiere. Damals stand ich auf dem Berg der Selbstnatur und sah oft, wie die kleine Insel von verheißungsvollen Wolken umhüllt wurde. Und aus den bunten Wolken erklang oft schwebende, wohlklingende Musik, und goldene Phönixe flogen heraus. Doch in diesen 200 Jahren habe ich über der Insel nur düstere Wolken und trüben Nebel gesehen; über die Lage im Inneren der Insel weiß ich nichts.“
„Wohnt der Göttliche noch dort?“, fragte Dabei.
„Die Insel ist nicht groß – wenn du erst dort bist, wirst du es von selbst wissen“, sagte die alte Frau, und auf ihrem Gesicht erschien erneut ein bedeutungsvolles Lächeln. Dann stand sie auf und sagte: „Kind, meine Aufgabe ist erfüllt. Ich muss jetzt gehen – pass auf dich auf.“ Ehe Dabei etwas sagen konnte, verwandelte sich die alte Frau plötzlich in zehntausend goldene Lichtstrahlen, die sich in alle Richtungen zerstreuten. Sammeln sie sich, nehmen sie Gestalt an; zerstreuen sie sich, werden sie zu Energie. Dabei starrte benommen auf die Stelle, an der die alte Frau verschwunden war, und staunte.
Sternenweg – 6: Die Insel des Entstehens in Abhängigkeit betreten (Teil 2)
„Dabei!“ Duozhi erwachte und kam aus dem Lotus auf Dabei zu. Nach der Entgiftung war Duozhi klar und schön geworden, von ätherischer Eleganz. Ganz die Erscheinung eines Unsterblichen.
„Duozhi, wir sind gerade aus der Licht-Illusionswelt herausgekommen – dein Gift ist neutralisiert“, sagte Dabei aufgeregt zu Duozhi.
Duozhi schien nichts zu hören. Er stand vor Dabei, starrte sie unverwandt an und brachte vor Staunen kein Wort hervor.
„Duozhi!“, rief Dabei laut. Erst da kam Duozhi wieder zu sich.
„Dabei, wie bist du denn zu einem Kristallkörper geworden? Das ist ja kaum zu fassen!“
„Was regst du dich auf? Hast du vergessen, dass alle Menschen auf unserem Planeten Licht-Inkarnationen sind?“
„Was ist das schon? Oh, Dabei, ich habe noch nie gesehen, dass ein Mensch sich so verwandeln kann. Als ich in der Buddha-Illusionswelt lebte, hörte ich einen Höhlenmeister davon erzählen. Ihr früherer alter Höhlenmeister hatte sich genauso verwandelt. Damals schenkte ich ihren Worten keinen Glauben, doch es ist wirklich möglich, sich so zu verwandeln.“
„Sieh mich nicht so an. Wir haben doch noch wichtige Dinge zu tun, oder?“
Kurz erzählte Dabei Duozhi, was soeben geschehen war.
„Duozhi, wir müssen jetzt unbedingt zu dieser Insel, aber wie sollen wir jetzt hinüberkommen?“ Auch Duozhi fiel im ersten Moment kein guter Rat ein. Da strahlte das Himmlische Buch, das Dabei in der Hand hielt, goldenes Licht aus. Dabei öffnete sogleich das Himmlische Buch, und mehrere große goldene Schriftzeichen fielen ihr ins Auge: „Neun Drachen kommen zusammen.“ Dabei wurde ganz aufgeregt.
„Duozhi, das Himmlische Buch hat uns den Weg zur Insel gewiesen.“ Auch Duozhis Augen leuchteten auf. Wie aber sollten die Neun Drachen zusammenkommen? Sie warteten eine Weile still, da begann das Himmlische Buch erneut zu leuchten, und eine Zeile Schriftzeichen erschien: „Werft das Mani-Juwel.“ Dabei und Duozhi waren beide zutiefst erstaunt.
„Duozhi, dieses Buch ist wirklich erstaunlich – woher wusste er, dass wir ein Mani-Juwel besitzen?“, sagte Dabei. Sogleich schloss sie die Augen und versank in Visualisierung. Da sah sie, wie das Mani-Juwel plötzlich auf ihren Scheitel zuraste. Im Nu öffnete sich ihr Scheitel und brachte eine Lotusblüte hervor; auf deren Herz wurde das Mani-Juwel gebettet, und Dabei hob das Juwel aus der Lotusblüte hervor. Das Mani-Juwel leuchtete von selbst nicht, doch es konnte alles auf diesem Planeten widerspiegeln, und sein Schein war sehr sanft. Duozhi sah, dass Dabei das Mani-Juwel tatsächlich hervorgeholt hatte, und wurde etwas unschlüssig.
„Dabei, das ist ein Schatz unseres Planeten. Können wir nach eigenem Ermessen darüber bestimmen und ihn hier zurücklassen?“
„Duozhi, das ist nicht wichtig. Wenn ich zurück bin, werde ich es meinem Vater, dem König, erklären. Wichtiger ist, den Tausendarmigen, Tausendäugigen Göttlichen zu finden.“ Daraufhin nahm Duozhi das Juwel und schleuderte es in den Himmel über der einsamen Insel. Man sah nur, wie ein blendend weißer Lichtstrahl über den Himmel der Insel zog. Im Nu erklangen ohrenbetäubende Laute: tiefe, lang gezogene Drachenrufe, die wie das Echo im Windtal über den Berg der Selbstnatur hallten. Begleitet von neun goldenen Lichtsäulen, die aus den weiten Tälern emporstiegen und sich gemeinsam auf das Mani-Juwel stürzten. „Ah, die neun Drachen kommen zusammen!“ In der Luft glänzte es golden, mehrere goldene Schlangen wirbelten tanzend umher, und das Mani-Juwel verwandelte sich in einen weißen Lichtring, der inmitten des goldenen Scheins umherschwebte. Duozhi und Dabei waren wie erstarrt ob dieses wundersamen, prachtvollen Schauspiels. Plötzlich fuhr ein gewaltiger, blendend weißer Lichtblitz auf, am Himmel krachte ein Donnerschlag, als ob Berge einstürzten und die Erde berstete, begleitet von einigen Drachenrufen. Duozhi und Dabei wurden von diesem durchdringenden Krachen fast ohnmächtig.
Als sie wieder zu sich kamen, war über der kleinen Insel nichts mehr zu sehen. Eine bogenförmige Brücke wie ein Regenbogen führte von der kleinen Insel bis zu ihren Füßen. Auf der Brücke schimmerte es unter ihren Schritten schwach, als wären es glänzende Drachenschuppen. Duozhi und Dabei überquerten die Brücke behutsam. Als sie die kleine Insel betraten, verblasste die Brücke langsam in der Luft. Als sie den Pfad betraten, bot sich Dabei und Duozhi ein Bild der Ödnis. Auf der Insel wucherte Unkraut, und überall lagen die Knochen von Tieren. Aus Schlamm und Sumpf stieg ein übler, widerlicher Gestank auf. Duozhi und Dabei waren erst wenige Schritte gegangen, da rief Duozhi laut: „Dabei, sieh schnell!“ Im Gras nicht weit entfernt lag ein riesiger Löwe mit weißem Fell, der sie mit Augen anstarrte, die wie kupferne Glocken waren. Duozhi stellte sich eilig vor Dabei, aus Furcht, der Löwe könnte plötzlich hervorspringen. Dabei blickte in die hohlen, ausdruckslosen Augen des Löwen und hatte das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben. Der Löwe kam auf sie zu. Erst jetzt bemerkten die beiden, wie abgemagert er war – kaum mehr als ein Gerippe; beim Gehen schwankte sein Körper schwach. Doch auf den ersten Blick wirkte er nach wie vor majestätisch und hatte nichts von der gebieterischen Würde eines Königs eingebüßt.
„Bist du der Löwenkönig?“, rief Dabei dem Löwen freundlich zu. Der Löwe schien ihre Frage zu verstehen, näherte sich Dabei sogar freundlich und leckte mit der Zunge an ihrer Hand. Duozhi war ein wenig aufgeregt und streckte die Hand aus, um den Kopf des Löwen zu streicheln. Dabei wollte gerade Einhalt gebieten, da hörte sie Duozhi „Autsch!“ rufen. Seine Hand war bereits von den kreuz und quer abstehenden Borsten des Löwenkönigs an mehreren Stellen durchstochen, und weißes Blut rann aus Duozhis Handfläche. Aus der Kehle des Löwenkönigs drang ein tiefes Knurren, als ob er Duozhi vorwarf, nicht vorsichtig gewesen zu sein.
„Dabei, mein Blut ist zu weißer Milch geworden!“, rief Duozhi erstaunt und blickte auf das Blut an seiner Hand. Einige Blutstropfen fielen auf den Kopf des Löwenkönigs, und das zerzauste Fell auf seinem Kopf wurde im Nu glatt. Als er das sah, streckte Duozhi seine blutende Hand unter die Nase des Löwenkönigs. Der Löwenkönig zögerte einen Augenblick, streckte dann die Zunge heraus und leckte Duozhis Wunde; Duozhis Wunde verheilte schnell. Nachdem der Löwenkönig Duozhis Blut geleckt hatte, war er mit einem Mal von neuer Lebenskraft erfüllt: Aus seinen Augen schossen goldene Strahlen, und die Muskeln seines ganzen Körpers schwollen rasch an.
Sternenweg – 6: Die Insel des Entstehens in Abhängigkeit betreten (Teil 3)
Der Löwenkönig wirkte aufgeregt. Er lief leichtfüßig ein paar Runden um Dabei und Duozhi und rannte dann zu einem hervorstehenden Felsen auf der Insel. Er blickte zum Himmel auf und stieß ein gewaltiges Brüllen aus. Sogleich verdunkelten sich Himmel und Erde, Sand und Steine flogen umher, und die ganze kleine Insel geriet ins Schwanken. Über der Insel zuckten Blitze auf, die auf den Löwenkönig niederschlugen; zusammen mit den Blitzen kam ein heftiger Sturm mit strömendem Regen. Der Löwenkönig fürchtete sich nicht im Geringsten. Majestätisch stand er in dem Unwetter, stieß ein Brüllen nach dem anderen in den Himmel und schien die Freude zu genießen, die ihm der Sturm bereitete. Schließlich trafen mehrere Blitze den Löwenkönig, und im Nu verwandelte er sich in einen riesigen leuchtenden Körper. Und dieser leuchtende Körper schrumpfte allmählich.
Dabei und Duozhi kauerten gerade zwischen einigen Felsbrocken und sahen, wie der Löwenkönig vom Blitz getroffen wurde. „Löwenkönig!“ schrie Dabei voller Angst und stürmte, ohne auf irgendetwas zu achten, auf die Stelle zu, wo der Löwenkönig geleuchtet hatte. Der Löwenkönig war verschwunden. An der Stelle, wo er eben noch gestanden hatte, erschien eine silbern glänzende Glasflasche. Dabei hob die Flasche auf. Auf dem Flaschenkörper waren ein paar Schriftzeichen eingeprägt: „Schatzgefäß des Verdienstes“. Duozhi eilte ebenfalls herbei. Inzwischen war die Insel wieder zur Ruhe gekommen; nach der Reinigung durch den soeben niedergegangenen Sturm wirkte die Insel viel sauberer. Auch die Luft war frisch geworden, nur der Himmel hatte sich noch nicht aufgeklärt und blieb grau und trüb.
„Dabei, das ist das Schatzgefäß, mit dem der Tausendarmige, Tausendäugige Göttliche das Wasser des Verdienstes aufnimmt“, sagte Duozhi und betrachtete die Flasche immer wieder genau. „Aber darin ist kein Wasser, und der Göttliche scheint auch nicht auf dieser Insel zu sein“, sagte Dabei etwas besorgt.
„Sobald das Wasser des Verdienstes bis zum Rand gefüllt ist, kann der Göttliche erscheinen“, sagte Duozhi.
„Aber wie lässt sich das Wasser des Verdienstes bis zum Rand füllen? Die Schatzflasche des Verdienstes ist gänzlich leer – hegen die Menschen auf diesem Planeten denn nicht einmal einen einzigen guten Gedanken und vollbringen keine einzige gute Tat?“ Dabei sah Duozhi traurig und enttäuscht an.
„Nein, Dabei, es ist nur so, dass die Menschen zu tief vergiftet sind. Mit ihrem vergifteten Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist beurteilen sie die Dinge und verfallen dabei stets Trugbildern. Dadurch entstehen viele Illusionswelten. Wer an den Illusionswelten anhaftet, kann nur schwer unterscheiden, was wahres Gut und was wahres Böse ist. Ich glaube, dass das Wasser des Verdienstes eigentlich vorhanden sein sollte – nur haben die Menschen, nachdem sie einen kleinen guten Gedanken gehegt und eine gute Tat vollbracht haben, wieder massenhaft schlechte Taten begangen. Der widrige Wind hat wohl auch das winzige bisschen Wasser des Verdienstes vertrocknen lassen“, sagte Duozhi humorvoll.
Dabei lächelte ebenfalls und sagte: „Denkt nur an die Menschen, die von allerlei Giften umfangen sind und in ihrer Anhaftung an die Illusionswelten unter den Qualen des ausbrechenden Giftes leiden – wie erbärmlich sie doch sind. Wir müssen unbedingt so schnell wie möglich einen Weg finden, sie zu befreien.“
„Das Himmlische Buch!“ Duozhi sah, dass das Himmlische Buch wieder aufleuchtete, und schlug es hastig auf. Da stand auf einer Seite geschrieben: „Dabei opfert ihren Leib – das Wasser des Verdienstes ist voll.“
„Was bedeutet ‚Selbstopfer‘?“ fragte Dabei. Sofort erschien auf dem Himmlischen Buch wieder eine Zeile: „Springe von der Selbstopfer-Klippe hinunter.“
„Selbstopfer-Klippe?“ Dabei und Duozhi sahen sich auf der Insel um. Bald entdeckten sie, dass auf einer Seite der Insel ein gewaltiger Felsen emporragte, auf dem in drei goldenen Schriftzeichen stand: Selbstopfer-Klippe. Daneben befand sich eine Zeile kleiner Schrift: Unter dieser Klippe sammeln die Illusionswelten Giftdämpfe, die fünf Getreidesorten lösen die Seele auf, das Meer des Leidens ist grenzenlos. Sie blickten hinab: Schwarze, grüne und rote Gaswolken stiegen wie Tornados aus dem Meer des Leidens auf und wälzten sich in ihm. Am Rand der Klippe fiel es Dabei und Duozhi schwer zu atmen, und wo sich die Gaswogen überschlugen, tauchten schemenhaft Bilder verschiedener Illusionswelten auf. Dabei und Duozhi sahen einander fassungslos an.
„Duozhi, ich gehe hinunter“, sagte Dabei.
„Dabei, das Himmlische Buch treibt diesmal bestimmt einen Scherz mit uns. Wir haben es nur mit Mühe nach oben geschafft – wie sollten wir da wieder hinunter? Und überhaupt: Wenn wir von hier hinuntersteigen, können wir dann überhaupt noch zurückkehren? Sieh nur, wie das Gifttal einem die Seele raubt! Du hast jetzt kein Mani-Juwel mehr als Schutz; steigst du hinunter, wirst du in alle Winde zerstreut“, sagte Duozhi drängend zu Dabei.
„Duozhi, meine Zeit ist knapp. Ich muss dafür sorgen, dass so schnell wie möglich mehr Menschen die Illusionswelten verlassen. Das Himmlische Buch lügt nicht. Du musst hierbleiben und auf den Göttlichen warten.“
„Dabei, auf keinen Fall! Wenn es sein muss, dass jemand hinunterspringt, dann springe ich. Das Himmlische Buch hat auch nicht gesagt, dass ich nicht springen darf“, sagte Duozhi außer sich.
„Duozhi, streite nicht. Dass das Himmlische Buch mich springen lässt, hat seinen Grund. Unsere Missionen sind verschieden, und auch in Körper und Geist unterscheiden wir uns. Der Ausgang des Sprungs ist ein anderer: Dein Körper ist gerade erst entgiftet und könnte dem vergifteten Wasser da unten nicht standhalten; ich aber habe bereits einen Kristallkörper. Und mit dem Spiegel des Himmlischen Auges und dem Lebensdetektor könnte ich, selbst wenn ich hinuntersteige, vielleicht das Glück haben, wieder zurückzukehren. Wenn mein Vater, der König, davon erführe, würde auch er mich darin unterstützen.“ Kaum hatte sie ausgesprochen, sprang Dabei hinab.
„Dabei!“ Durch das Tal hallte Duozhis trauriger Ruf wider.