Fragen beantworten

Der Buddha sagt: Wenn ihr auch nur einen Satz oder eine Strophe des Lotos-Sutra hört, könnt ihr zur Buddhaschaft gelangen; euch wird prophezeit, dass ihr ganz gewiss Buddhas werdet. Denn von Natur aus seid ihr es bereits – am Ende werdet ihr alle eines Tages erwachen, und alle werdet ihr nach dem Erwachen dürsten.

(Meister, meine Mutter glaubt an eine andere Religion, und sie mögen es nicht, dass ich Buddhismus lerne; sie findet, der christliche Glaube sei gut. Das gerät doch ein wenig in Konflikt mit der „kindlichen Pietät“ und der wahren Rückkehr zu sich selbst.)

Meinst du, es sei schon mangelnde kindliche Pietät, wenn man sich ihrem Wunsch widersetzt? Aber deine Weisheit lautet: Wer spricht die höchste Wahrheit des Universums aus?

Das Christentum ist auch nicht schlecht, aber in der Sichtweise der höchsten Wahrheit meine ich, dass der Buddhismus, die buddhistische Lehre, verhältnismäßig vollkommen ist. Wenn du also die Weisheit des Buddha erlangst, können wir uns aus dem Samsara von Leben um Leben befreien. Dann kannst du deine Mutter erretten.

Wenn deine Mutter die höchste Weisheit nicht erreicht hat, du aber schon, und du sie dann aus dem Samsara von Leben um Leben erlöst, dann ist das eine große kindliche Pietät – das ist die große kindliche Pietät des Buddhismus.

So kennt der Buddhismus das Hausloswerden; der Konfuzianismus sagt, der von den Eltern gegebene Leib – Haare und Haut – dürfe nicht beschädigt werden … Der Buddhismus übt also die große kindliche Pietät von einem anderen Blickwinkel aus: Er sagt, alle Alten unter dem Himmel seien meine Eltern. Denn von Leben zu Leben – der Buddhismus lehrt ja das Samsara – hast du in vielen Leben viele Eltern; du bist nicht dieses eine Leben. Wenn du dich auf dieses Leben festlegst, dann legst du dich darauf fest, dass du der und der bist – wie könntest du dann der Tathagata sein?

Also warten die Eltern deiner vielen Leben auf deine Erlösung, auf die Befreiung aus dem Samsara; deine kindliche Pietät ist unermesslich und grenzenlos. Willst du kindliche Pietät üben, dann ist das rettende Wirken für alle Wesen die wahre kindliche Pietät.

(Und was wäre die Weisheit für den Augenblick? Ihre Lage ist ja: Mama versteht das nicht so recht.)

Dann sei eben geschickt; das macht nichts. Du brauchst nicht, dass sie sich ändert. Sag einfach, du erforschst Religionen – das reicht doch, oder? Sag: „Ich erforsche das Christentum und auch den Buddhismus. Ich schaue, was der jeweilige Stifter sagt; ich weiß nicht, was sie sagen.“ Du musst nicht sagen, dass du an den Buddhismus glaubst. Sag einfach, du forschst; du bist ein Gelehrter, du erkundest die Religionen.

(Manchmal gehe ich auch mit ihr zum Gottesdienst.)

Das ist in Ordnung, ich finde das Christentum auch ganz gut. Denn bei ihnen gibt es zwar Sekten, die andere ausschließen, aber Jesus und Christus – Gott – schließen niemanden aus; nur die Sekten schließen aus.

Du kennst diese Wahrheit. Um deiner Mutter hin und wieder eine Freude zu machen, sag es eben geschickt und halte nicht so sehr daran fest. Sag einfach: Jesus ist sehr gut, der Herr ist sehr gut; segne uns, segne mich, dass ich schneller forschen kann.

(Ach, es ist merkwürdig: Ich habe zu meiner Mutter gesagt, ich habe einen Vortrag über Jesus gehört, und ich finde, viele Lehren sind dieselben wie jene … es ist alles Liebe, und so weiter. Sind sie vielleicht Brüder …)

Aber die Liebe Jesu hat ein Ich; die Liebe des Buddhismus ist Nicht-Selbst. Deshalb liegt in der Liebe Jesu das Leiden, deshalb wurde Jesus ans Kreuz genagelt. Weil ein Ich da ist, das das Leiden auf sich nimmt, hat er die Vorstellung der Wesen und die Vorstellung des Ichs.

Deshalb: „Ich bin Jesus“ – „die Sünden aller Wesen nehme ich alle auf mich, ich trage sie alle“ – deshalb: „Ich wurde ans Kreuz genagelt.“ So haftet er an der Vorstellung der Wesen und des Ichs; seine ist eine Liebe mit Ich.

Aber der Buddhismus beginnt von Anfang an beim Nicht-Selbst; seine Liebe unterscheidet sich dem Wesen nach. Deshalb steigt die Liebe des Buddhismus am Ende zu Weisheit und Mitgefühl auf, während die Liebe Jesu in dieser Welt das Leiden offenbart hat.

Aber die Liebe Jesu ist in dieser Welt sehr groß. Opfer – es ist ein Opfer. Auch wenn Buddhas und Bodhisattvas rettend für alle Wesen wirken, ist es am Anfang ebenfalls ein Opfer. Denn am Anfang, wenn man nicht an Formen haften und das eigene Empfinden nicht zu wichtig nehmen darf, ist es ebenfalls ein Opfer. Wenn man aber allmählich in den Zustand des Nicht-Selbst eindringt, wird dieses Opfer zu Verdienst – zum Verdienst des Erlangens des Weges!

(Meister, mein jetziger Lehrer lehrt uns Folgendes: Nach dem Rezitieren der Sutras betrachten wir die Sammlung, üben Sitzmeditation und scannen in meditativer Versenkung den ganzen Körper.)

Den ganzen Körper scannen – Vipassana.

(Bei der Vipassana – beim stillen Sitzen will er, dass wir von der Kopfhaut, den Haaren und jedem Körperteil so nach unten gehen – ist das die Betrachtung der Sammlung?)

Wozu soll dich das führen? Zum Gewahrsein des Inneren? Das hat er nicht gesagt. Oder zur Ruhe zu kommen, weniger zerstreute Gedanken zu haben, oder Konzentration – das Üben der Konzentrationskraft?

(Sammlungskraft, Konzentrationskraft, und außerdem, jedes Körperteil feiner zu gewahrwerden. Denn der Lehrer hat darüber nicht viel gesagt.)

Ich verstehe. Es gibt viele Vipassana-Praktiken; sie üben eine Sache: Wenn wir in der Vipassana sind, geht es darum, gewahr zu werden, gewahr zu werden. Normalerweise ist unser Bewusstsein nach außen gerichtet; wenn wir zurückkehren und in den Chakren des Körpers verweilen, den Geist dort halten, oder an irgendeinem Ort verweilen, neigt man leicht dazu einzunicken oder zerstreut zu werden. Wenn man so wandert, ist es etwas besser.

Aber das sind alles nur Werkzeuge, nicht das letztendliche Ziel. Durch dieses Wandern – wandern, wandern – kommst du allmählich zur Konzentration. Wenn du konzentriert bist und zur Ruhe kommst – wenn dein Bewusstsein, dein Geist nicht mehr unterscheidet –, dann existiert dein Wandern nicht mehr; wie könntest du es wandern lassen?

Du wanderst ja nur, weil du einen Gedanken hast: Du lässt den Gedanken von oben nach unten wandern, wandern … langsam, langsam bringt dich das in einen Zustand, der dem Statischen oder dem Zustand der Sammlung nahekommt.

Wenn es um die meditative Übung geht – wenn du Buddha werden willst –, dann ist das eine Übergangsmethode. Wenn du nur den Zustand des Körpers feiner gewahrwerden willst, dann ist es ein anderes Dharma-Tor, das mit der Buddhaschaft nicht mehr viel zu tun hat. Es hängt davon ab, was du von Anfang an tun willst.

(Er hat gesagt, man solle sich sammeln und den Lotus betrachten …)

Alle Dharma-Tore sind Werkzeuge. Wie in einer Schatzkiste: Zange, Schraubenzieher, Axt, Hammer … Es ist vielleicht nur ein Schraubenzieher oder sonst etwas.

Das Wichtigste ist: Was willst du tun? Was willst du mit diesem Werkzeug anfangen? Willst du mit diesem Werkzeug die Anhaftung durchbrechen, meditative Versenkung üben oder deine Konzentrationskraft schulen? Oder willst du übernatürliche Kräfte erlangen und hineinschauen, um Herz, Leber, Milz, Lunge und Nieren zu sehen?

Alles ist ein Werkzeug. Am wichtigsten ist: Was ist dein Ziel? Welchen Zweck willst du mit diesem Werkzeug erreichen? Genau das ist wichtig, das musst du klar haben. Was willst du tun?

(Zuerst einmal: Es scheint, als wären die Gedanken weniger geworden …)

Das ist auch ein Gedanke, nur ist er eben zu diesem Gedanken geworden. Was du für „wirre Gedanken“ gehalten hast, ist zu diesem „recht geordneten Gedanken“ geworden.

(Was ist das für ein Zustand – einer wie der ihre?)

Das musst du ihn fragen. Ich wage es gewöhnlich nicht, mir ihren Zustand anzusehen. Es sind alles Zustände des Erwachens – in meinen Augen alle. Solange sie beharrlich üben, sehe ich in ihnen einen weiteren Buddha entstehen. Genau dieser Zustand.

(Ich bin wie ein Kindergartenkind, das noch nicht entlassen wurde.)

Nein, nein – du bist in der großen Gruppe, in der Vorschulgruppe. … Das ist schon gut, ganz gut. Es ist nur so, dass du mit den Begriffen nicht vertraut bist, mit diesen überhaupt nicht vertraut. Diese Unvertrautheit bedeutet nichts für die Kultivierung und Verwirklichung; die Kultivierung und Verwirklichung kommt früher oder später – das bedeutet wirklich nichts.

Die Frage ist, ob du in der Kultivierung und Verwirklichung deine Anhaftung loslassen kannst. Deine Anhaftung so bald wie möglich zu durchbrechen – das ist der Kernpunkt.

Manche Menschen können, sobald sie die buddhistischen Begriffe kennen, im Nu vieles loslassen. Sie haben vorher schon viel reflektiert; auch wenn sie den Buddhismus nicht gelernt haben, haben sie viel erlebt, sehr viel – und dann haften sie nicht mehr an, an vielem nicht mehr – und sind sofort auf dem Weg.

Manche Menschen haften sehr und sind sehr auf sich bedacht. In Wahrheit ist das Selbst am schwersten zu durchbrechen – die Ich-Anhaftung, das ist das Schwerste. Du kannst allen Menschen gegenüber gleichgültig sein, aber dich selbst lässt du nicht los, den Eigennutz lässt du nicht los. Selbst bei der Buddhaschaft denkt man: „Ich habe es geschafft, ich will Buddha werden“ – man sagt nicht: „Er soll Buddha werden.“ Ein Bodhisattva will zuerst, dass andere Buddha werden. „Ich will Buddha werden“ – das alles ist Selbst, ist Anhaftung.

Hinweis: Dieser Text wurde anhand eines Lehrvideos von Yang Ning erstellt. Bei Abweichungen ist das Video maßgeblich. Video ansehen.

Schreiben Sie einen Kommentar