2. Der Verlauf meiner spirituellen Praxis

Bei meiner ersten Sitzmeditation saß ich im halben Lotussitz, die Hände ganz lässig auf den Knien, und in meinem Herzen herrschte eine spielerische Stimmung. Ein paar Sekunden nachdem ich die Augen geschlossen hatte, wurden mein Körper und mein Geist plötzlich von einer luftigen Klarheit erfüllt, und vor meinen Augen erschienen wunderschöne Bilder – Berge und Gewässer, Landschaften – von überaus erlesener Schönheit: Ein Pfau schlug vor mir ein Rad, und eine Schlange kroch sanft unter meinen Knien hin und her. In diesem Augenblick erklang plötzlich an meinem Ohr das Geräusch von Meereswogen, die gegen die Küste brandeten; das immer deutlicher werdende Rauschen der Flut war durchsetzt vom Heulen des Windes und von den Hilferufen von Menschen … Plötzlich entdeckte ich, dass ich auf einer Meeresinsel saß, auf einem hohen Felsenriff, und ich legte eine Lotosblüte ins Meer. Auf der Meeresoberfläche war ein Holzboot, das von Wind und Wellen beinahe gekentert wäre; die Lotosblüte trieb auf das Boot zu, stützte seinen Boden, und im Nu legten sich Wind und Wellen …

Plötzlich kam ich aus diesem Zustand wieder heraus, öffnete die Augen und sah, dass das Kind neben mir eingenässt hatte und weinte. Ich machte mich hastig daran, die Windel zu wechseln, und als ich auf die Uhr blickte, war es fast zwölf; mein Mann würde zum Mittagessen nach Hause kommen, und ich musste noch das Gemüse waschen. So beruhigte ich das Kind und kochte in aller Eile – an die Zustände der Sitzmeditation war gar nicht zu denken. Am nächsten Nachmittag schlief das Kind wieder ein, und ich lag ebenfalls dösend danieder. Da erinnerte ich mich plötzlich an die Bilder, die ich gestern bei der Sitzmeditation gesehen hatte, und war innerlich ganz beschwingt. Die Sitzmeditation war also so unterhaltsam: Mit geschlossenen Augen konnte man so wunderschöne Bilder sehen, wie im Traum, sogar mit Geräuschen und einer Geschichte darin (später erfuhr ich, dass nicht jeder bei der Sitzmeditation solche Zustände erlebt). Bei diesen Gedanken erwachte meine verspielte Laune von neuem: Heute setze ich mich noch einmal hin und schaue, was ich sehen kann! Also stand ich sofort auf und setzte mich wie am Vortag aufs Bett.

Dieses Erlebnis machte mich noch glücklicher: Wenige Minuten später saß ich in den Wolken auf einem Lotos-Sitz, und mir waren tausend Hände und tausend Augen gewachsen. Danach veränderte sich mein Aussehen unaufhörlich: Gleich darauf hatte ich vier Arme, aus meinem Kopf wuchsen weitere Köpfe, und auch aus meinen Schultern ragten Köpfe hervor. In den Wolken sah ich viele Mönche in Kasaya-Gewändern und hörte, wie aus unerfindlicher Richtung die Rezitation des Buddha-Namens und das Klopfen eines Holzfisches erklangen. Die Landschaft vor mir wechselte unablässig, so schön, dass ich nicht wusste, wie ich es ausdrücken sollte … Gerade als ich mich an dem Anblick erfreute, riss mich ein plötzlicher Schrei jäh auf – das Kind neben mir war aufgewacht. Ich blickte auf die Uhr und stellte fest, dass ich über zwei Stunden gesessen hatte, und doch hatte es sich angefühlt, als wären es nur etwas mehr als zehn Minuten gewesen!

Nachdem ich das Kind beruhigt hatte, machte ich mich wieder an das Abendessen. Die Freude an der zweiten Sitzmeditation ließ mich noch nicht ganz los, und ich hatte das Gefühl, dass ich nach diesen beiden Tagen der Sitzmeditation viel mehr Energie hatte; ich merkte deutlich, wie erfrischt und klar ich war!

Hier möchte ich kurz etwas über meine damalige Familiensituation erzählen. Mein Mann war Verkehrspolizist. Sein Vater war früh gestorben, als er noch klein war; die Familie war arm, und nachdem seine Mutter ihm durch größte Sparsamkeit das Studium ermöglicht hatte, konnte sie ihm im Leben keinerlei Unterstützung mehr bieten. Obwohl er einige Jahre früher als ich zu arbeiten begonnen hatte, war unsere neue Wohnung zur Zeit der Heirat nur das Ledigenzimmer seiner Dienststelle, und unsere Hochzeitsfeier kostete nur einige tausend Yuan. Nach dem Abitur studierte ich an einer Kunstakademie in Hebei traditionelle chinesische Malerei und arbeitete danach in der Xinhua-Buchhandlung der Stadt. Nach etwas mehr als einem Jahr Arbeit wurde ich schwanger und nahm Krankheitsurlaub, mit nur 60 % Gehalt. Mein Mann war beruflich sehr eingespannt; abgesehen davon, dass er mittags und abends zum Essen nach Hause kam und etwas bei der Hausarbeit half, blieb uns nach der Geburt des Kindes kaum noch Zeit für Gespräche. Nachdem wir das Kind hatten, führten wir ein sehr knappes Leben.

Nach der Geburt meines Kindes war mein Körper in sehr schlechtem Zustand; Unterleibsentzündung und Gallenblasenentzündung brachen häufig aus. Zudem schmerzten alle meine Knochen, manchmal so sehr, dass ich nachts weinen wollte. Außer dass ich meine ganze Kraft in die Hausarbeit steckte, fühlte ich mich nur müde, erschöpft und wollte mehr schlafen. Wenn man lange zu Hause bleibt, kommen auch Freunde nur noch selten zu Besuch. So verging die Zeit Stück für Stück; die Tage verliefen ruhig, ohne dass ich sie langweilig fand, und weder traurig noch freudig. In jener Zeit hatte ich nicht viel Kraft und Zeit zum Nachdenken – die einstigen Träume, Malerin und Dichterin zu werden, waren von Salz, Öl, Essig, Sojasauce und den Kinderwindeln verwässert worden. Hin und wieder empfand ich das Leben dennoch als etwas fad; wenn ich mein damaliges Tagebuch las, hatte ich das Leben mit einem Glas Wasser ohne Geschmack verglichen.

Die Freude und Neugier, die mir das Heranwachsen meines Sohnes bereitete, konnten mich nicht mehr erfüllen; ich verlangte allmählich nach mehr vom Leben und hoffte immer, dass in meinem Leben irgendetwas geschehen möge. Gerade in dieser Geisteshaltung machten mich diese beiden Erfahrungen mit der Sitzmeditation überglücklich. Die Sitzmeditation ist eine so wunderbare Sache; mit einem Schlag füllte sie die gesamte Leere meines Lebens aus. Ich wollte fast jeden Tag sitzen, und sobald ich Zeit hatte, ließ ich sogar viele Hausarbeiten liegen, um mir Zeit für die Sitzmeditation herauszuschinden. Damals brachte ich dieses Verhalten nicht mit spiritueller Praxis in Verbindung – ich saß nur einfach gern.

Die Tage vergingen wie im Flug, und ehe ich mich versah, waren schon mehrere Monate ins vergangen. Die Sitzmeditation faszinierte mich immer mehr, denn bei jeder Sitzung stellten sich Zustände ein, so wunderbar und zauberhaft, als lebte ich mitten in einem Mythos. Auch mein Körper wurde von Tag zu Tag besser: mein Teint bekam wieder Farbe, die Knochen taten nicht mehr weh, ich schlief weniger und war voller Energie … Nachdem dies einige Monate angehalten hatte, schlief mein Kind eines Nachmittags, und wie gewohnt eilte ich wieder auf meinen Sitz. Wenige Minuten später hatte ich das Gefühl, plötzlich zu verschwinden. Da hörte ich eine Stimme aus der Luft: „Du bist die achtzigste Wiederverkörperung von Soundso. Deine Mission ist es, das Buddha-Dharma zu verbreiten und alle Wesen zu befreien. Deine Schicksal sind noch nicht vorüber; in fünf Jahren wirst du dich erlösen …“ „Wer bist du?“, fragte ich. „Hahaha …“ Nach einem herzhaften Lachen fiel eine gut zwei Meter hohe, goldglänzende Tafel vor mir nieder. Darauf stand meiner Ansicht nach Sanskrit, doch wohin mein Blick auch fiel, verwandelte sich das Sanskrit von selbst in chinesische Schriftzeichen. Verzeichnet waren mein Name, mein Geburtsdatum und manche Dinge, die ich in diesem Leben durchleben sollte. Dann verschwand die Tafel, und wie beim Anschauen eines Films sah ich den gesamten Vorgang, wie ich kraft meines Karmas eine neue Wiedergeburt angetreten hatte. Als ich das gesehen hatte, verließ ich die Versenkung. Mein Gemütszustand damals glich dem Erwachen aus einem Traum: Ich schien vieles zu verstehen, doch wenn ich mein Kind und mein Heim vor mir sah, schien ich wiederum gar nichts zu verstehen. Aber innerlich war ich tief bewegt: Ich schien etwas gefunden zu haben, das ich nicht in Worte fassen konnte, und es war, als wäre es genau das, wonach ich innerlich seit über zwanzig Jahren verlangt und gesucht hatte.

Am nächsten Tag kamen den ganzen Tag über Freunde zu Besuch, sodass ich keine Zeit zum Sitzen hatte. Erst nach zwölf Uhr nachts waren Kind und Ehemann eingeschlafen. Obwohl ich vor Müdigkeit einen schmerzenden Rücken hatte, konnte ich den inneren Drang nicht unterdrücken. In jener Zeit war die Sitzmeditation zu etwas geworden, das ich jeden Tag tun musste; wie das Waschen des Gesichts und das Zähneputzen war sie zu einer Lebensgewohnheit geworden. Wenn ich einen Tag nicht saß, fühlten sich Körper und Geist sehr unbehaglich an. So stand ich also doch auf und setzte mich zur Sitzmeditation. Inzwischen konnte ich die meditativen Zustände, die während der Sitzmeditation auftraten, gelassen betrachten, nicht mehr wie am Anfang, als ich aus Neugier und Aufregung in diesen Zuständen spielte und gar nicht mehr herauswollte. Nach gut zehn Minuten Sitzmeditation trat ich in die Versenkung ein. Vor mir erschien plötzlich ein riesiges buddhistisches Sutra; das Sutra blätterte schnell zu einer Seite in der Mitte, und eine Zeile hob sich in Großaufnahme aus dem Text ab und färbte sich rot, sodass sie inmitten der schwarzen Schrift deutlich hervorstach. Es waren vier Zeichen: „Das Betrachten des Geistes ist Buddha.“

Nachdem diese vier Zeichen eine Weile vor mir gestanden hatten, verschwand das Sutra. Ich stellte fest, dass ich in ein Tal voller Vogelgesang und Blumenduft gegangen war; ein gewundener Pfad führte in die Tiefe des Tals. Am Anfang des Weges saß ein junger Mönch, der auf einen Holzfisch klopfte und Sutras rezitierte. Ich ging zu ihm, verbeugte mich und fragte geradeheraus: „Meister, was bedeutet ‚Das Betrachten des Geistes ist Buddha‘?“ Er schien mir viel zu erklären, aber je mehr ich zuhörte, desto verwirrter wurde ich und konnte es einfach nicht begreifen. Da räumte er den Holzfisch weg, stand auf und sagte: „Komm mit.“ Ich folgte ihm in die Tiefe des Tals; unter einer steilen Felswand blieb er stehen. Er legte die Handflächen aneinander und sagte voller Hochachtung zur Felswand gewandt: „Meister, ich habe sie hergebracht.“ Dann ging er schnurstracks davon, und ich stand verdutzt da. Da ertönte von der Felswand eine Stimme: „Kind, ich habe lange auf dich gewartet.“ Ich wandte mich dem Klang zu und sah, dass oben auf dem Felsen ein alter Mönch stand. Er war rundlich und hochgewachsen, trug eine graue Mönchsrobe, und um den Hals hing ihm eine Kette aus riesigen Sandelholz-Perlen. Ich verstand nicht, wie ich plötzlich vor ihm stand. Er hatte freundliche, wohlwollende Gesichtszüge und einen ruhigen Tonfall, und sogleich entwickelte ich ihm gegenüber ein Gefühl vertrauensvoller, herzlicher Verbundenheit.

Er begann, mir die Bedeutung von „Das Betrachten des Geistes ist Buddha“ zu erläutern. Obwohl ich mich nicht mehr an seine genauen Worte erinnern kann, schien ich in der Versenkung zu verstehen, dass unsere Verständigung nur eine telepathische Verbindung war. Sobald er einen Satz sprach, verstand ich in meinem Herzen augenblicklich die gesamte Bedeutung, die er ausdrücken wollte – und das war etwas, das sich mit einem einzigen Satz gar nicht klar ausdrücken ließ. Er sagte, er sei mein Lehrer, und ab morgen werde er mich sein Dharma-Tor lehren: „Das Dharma des Großen Lichts in acht Teilen“. Ich freute mich sehr, das zu hören. Ich fragte ihn, wie er heiße und wer er sei. Er lächelte und sagte: „Du brauchst meinen Namen nicht zu wissen, nenn mich einfach ‚Alter Mann aus Tianzhu‘.“ An jenem Tag führte er mich durch alle Berge und Gewässer jener Gegend und erläuterte mir viel buddhistisches Wissen und manche Wahrheiten.

Als ich aus der Versenkung zurückkehrte, konnte ich immer noch spüren, wie sein warmes Energiefeld mich umgab, und mein Herz hatte eine unermessliche Zuneigung zu ihm gefasst. Meine Gefühle waren wie die eines Kindes, das nach vielen getrennten Jahren seine Mutter wiedergefunden hat – aufgeregt, bewegt und geheimnisvoll. Am nächsten Tag hoffte ich, dass das Kind früh einschlafen würde. Ein aufrichtiges Herz bewirkt Wunder: Das Kind schlief schon kurz nach zehn Uhr vormittags ein. Aufgeregt setzte ich mich sofort zur Sitzmeditation nieder.

Der Meister erschien. Sein Gesichtsausdruck war ernst und würdevoll, und er saß auf einem Meditationskissen. Ich wusste nicht, wo der Meister und ich saßen; dort war es sehr still, nur hin und wieder hörte man ein paar Geräusche von fließendem Wasser. Ich saß ihm gegenüber, und er begann, mir den ersten Teil des Großen Licht-Dharma zu überliefern: den Geist erleuchten und die wahre Natur sehen. Er erklärte den Ursprung und die Methode dieses Dharma-Tors sowie den Grad der Wandlung von Geist und Energiekanälen des Körpers nach der Vollendung. Nachdem er geendet hatte, begann ich, dem Dharma folgend, in die Visualisierung und in die Kultivierung und Verwirklichung einzutreten. In meditativer Versenkung hatte ich das Gefühl, dass etwa eine halbe Stunde vergangen war, und ich hatte den Prozess der Kultivierung und Verwirklichung der ersten Übung vollendet. Der Meister lobte mich, und ich war überglücklich.

Jeden Tag lernte ich einen Schritt, und so hatte ich nach acht Tagen ununterbrochener Sitzmeditation den gesamten Lehrstoff des Meisters durchgenommen. Im zweiten bis sechsten Teil erlernte ich die fünf Arten übernatürlicher Kräfte, im siebten und achten Teil verschaffte ich mir hauptsächlich Kenntnisse über Wahrsagekunst, Astrologie, Feng Shui, Zauberkunst und Ähnliches. Der Meister war mit mir sehr zufrieden und lobte mich fast ununterbrochen. Er nannte mich stets Kind, und auch ich hatte das Gefühl, in seiner Gegenwart nur ein kleines Kind von ein paar Jahren zu sein. Das Lob des Meisters ließ mein Vertrauen in die Praxis um ein Vielfaches wachsen, und ich wurde dem Meister gegenüber immer anhänglicher.

In dieser Zeit spürte ich, selbst wenn ich nicht in Sitzmeditation saß, dass der Meister überall und zu jeder Zeit gegenwärtig war. Ich lebte jeden Augenblick in einer Atmosphäre von Vertrautheit, Wärme und Fürsorge. In meinem Inneren war mir so süß zumute wie einem Mädchen in seiner ersten Liebe, und zugleich war ich wie ein Kind, das jederzeit bereit ist, in den Armen seiner Mutter zu schmusen. Abgesehen von den unvermeidlichen Dingen nutzte ich fast meine gesamte Zeit für die Sitzmeditation, denn ich sehnte mich dringend danach, den Meister zu sehen. Weil ich ihn damals nur sehen und seine Stimme hören konnte, wenn ich in die meditative Versenkung eingetreten war, erledigte ich immer weniger Hausarbeit: Ich fand keine Zeit, das Zimmer aufzuräumen, und vergaß oft sogar das Kochen. Damals schien mich nichts, was auf der Welt geschah, zu interessieren; ich wünschte mir nur noch, Zeit für die Versenkung zu finden, um mit dem Meister in Verbindung zu treten.

Natürlich war der erste, der mit mir unzufrieden war, mein Ehemann. Zuerst spürte er, dass er plötzlich vernachlässigt wurde. Wir waren noch keine zwei Jahre verheiratet, und er war ein Jahr älter als ich. Abgesehen davon, dass ich das Zimmer nicht aufräumte und das Kind schmutzig und ungepflegt ließ, hatte ich auch keine Lust mehr auf ein Sexualleben. Damals hegte ich nicht den Gedanken, dass die Praxis Enthaltsamkeit verlange; ich wollte es einfach plötzlich nicht mehr. Von da an begann ich zudem, mich rein vegetarisch zu ernähren; beim Anblick von Fleisch wurde mir übel, und aß ich etwas Fleischhaltiges, bekam ich leichten Durchfall. Mein Mann kaute dreimal am Tag an grünem Gemüse, und abends setzte ich mich, sobald das Kind eingeschlafen war, mit dem Gesicht nach Süden zur Sitzmeditation. Er wurde gereizt, litt und fühlte sich verloren. Innerlich war ich voller Schuldgefühle ihm gegenüber, aber ich wusste auch nicht, was ich tun sollte. Der Wunsch nach Praxis hatte mein ganzes Leben erfüllt; ich konnte ihn unmöglich aufgeben, es gab für mich keinen anderen Weg mehr! Es war, als hätte mich eine gewaltige Verlockung in ihren Bann gezogen; einmal hineingegangen, war ich nicht mehr Herr meiner selbst, und hinter mir schien eine starke Kraft mich voranzutreiben, die es mir unmöglich machte, auch nur einen halben Schritt zurückzuweichen.

Ich fand eine Gelegenheit, um mit meinem Ehemann über meine Erfahrungen mit der Sitzmeditation und meiner Praxis zu sprechen. Wie sehr wünschte ich mir, dass er meine Worte verstehen und glauben würde. Er lächelte nur und sagte: „Erzählst du mir da etwa ein Märchen? Ich bin doch kein Kind. Ich werde sicher nicht der Einzige sein, der das sagt – wenn du solche Dinge weitersagst, wer wird dir das schon glauben? Erzähl solche Dinge künftig bloß niemandem mehr.“ In meinem Herzen war ich sehr enttäuscht. Ich wusste, dass die Verständigung mit meinem Ehemann gescheitert war.

In der meditativen Versenkung lernte ich das, was der Meister lehrte, sehr schnell vollständig. In den Sitzmeditationen der späteren Tage jedoch rief ich mir das vom Meister gelehrte Dharma-Tor nicht erneut ins Gedächtnis, um es wieder zu kultivieren und zu verwirklichen. Der Meister hatte mir gesagt: Schenke keinem Zustand, der in der meditativen Versenkung erscheint, Aufmerksamkeit. In den Zuständen, die ich damals hatte, begannen sich zuweilen schreckenerregende Bilder zu zeigen. So fürchtete ich zum Beispiel Spinnen am meisten; damals geschah es oft, dass ich in der Versenkung Spinnen sah, die meinen ganzen Körper bedeckten, und je mehr ich mich vor ihnen fürchtete, desto größer wurden sie. Wenn ich dachte: ‚Nur nicht auf meinen Kopf kriechen!‘, dann waren im nächsten Augenblick mein Kopf und mein Gesicht voller riesiger Spinnen. In solchen Augenblicken fiel mir stets der Ausspruch aus dem Diamant-Sutra ein: „Alle bedingten Dinge sind wie Tau und wie ein Blitz, wie Traum, Trugbild, Blase und Schatten – so soll man sie betrachten.“ Sobald sich das Herz auf diese Weise entspannte und der Gedanke zu dem Sutra-Text überging, der mir eingefallen war, verschwanden die Spinnen am ganzen Körper im Nu vollständig und ohne eine Spur zu hinterlassen.

Nach einiger Zeit konnte ich in der meditativen Versenkung, ob nun furchterregende oder wunderschöne Erscheinungen auftauchten, gleichgültig darüber hinwegsehen – sie hatten nichts mit mir zu tun. So wurden solche Zustände allmählich seltener, doch dafür häuften sich die zerstreuten Gedanken in meinem Kopf wieder; manchmal konnte ich sogar nicht mehr in die Versenkung eintreten und schweifte in alle Richtungen ab. Der Meister sagte mir: „Kümmere dich nicht um die Gedanken. Gedanken sind wie Erscheinungen: Lass sie wie einen Wasserstrom an dir vorbeifließen, betrachte sie still und unterscheide nicht zwischen Gut und Böse, Gut und Schlecht, Schön und Hässlich – betrachte sie einfach nur.“ So wurde ich zu einem Beobachter (In dieser Zeit musste ich nicht in Versenkung treten; ich konnte jederzeit den Meister sehen und mich mit ihm austauschen).

Mit dem zunehmenden Fortschritt meiner Kultivierung und Verwirklichung verschärften sich auch die Konflikte in der Familie immer mehr; zwischen meinem Mann und mir kam es zu kleineren Reibereien. Damals waren wir bereits in eine neue Wohnung gezogen, meine Familie unterstützte mich finanziell, meine Lebensumstände hatten sich erheblich verbessert, und ich hatte sogar ein junges Kindermädchen eingestellt, das mir half, das Kind zu versorgen. Die Unzufriedenheit meines Mannes mit mir begann zu eskalieren. Ich wusste, dass ich in jener Zeit im Alltag sehr schlecht bewältigte; so sehr ich mich auch bemühte, ich fand dennoch keine Zeit, mich der Familie und meinem Mann mehr zu widmen. Am wichtigsten aber war, dass mein Mann deutlich spürte, dass mein Herz nicht bei der Familie war, nicht bei ihm und nicht beim Kind. Ich glaubte von mir, dass ich meine Familie liebte, nur wusste ich selbst nicht, wo mein Herz war?! Noch schlimmer wurde es, als mein Temperament immer heftiger wurde; auf die kleinen Sticheleien und sarkastischen Bemerkungen meines Mannes hätte ich eigentlich wie auf die Erscheinungen in der meditativen Versenkung blicken und sie vorbeiziehen lassen sollen. Das zu denken war eine Sache, es in die Tat umzusetzen war schwer. Ich hatte noch weniger Geduld als zuvor, war leichter gereizt und hatte ein noch hitzigeres Gemüt. In den Augen meines Mannes las ich unmissverständlich seinen Verdacht: Wie kann einen das Praktizieren des Weges und das Studium des Buddha-Dharma nur in einen solchen Zustand bringen? Sicher ist sie dem Dämonenwahn verfallen! Dann dachte ich voller Selbstgerechtigkeit: Das Praktizieren des Weges hat keine feste Form, die man dir vorzeigen könnte; das hier ist der lebendige Weg, und genau so bin ich. Ich wusste selbst, dass das nur Ausflüchte waren; mein Zorn war kein Ausdruck von Weisheit, sondern von Gewohnheitsmustern – ein Ausbruch von Gier, Hass, Verblendung, Stolz und Zweifel.

Der Meister sagte mir, ich solle das Gebot der Geduld einhalten. Schmerzerfüllt fragte ich den Meister: Warum glauben manche Menschen nicht, was ich sage, obwohl einige von ihnen sehr gütig sind, an den Buddha glauben und eine tiefe Grundlage haben? Der Meister lächelte und tröstete mich: Gebrauchst du nicht manchmal falsche Rede? Genau das ist die Fruchtwirkung falscher Rede. Ich dachte gründlich nach; Ich konnte nicht mit Gewissheit sagen, dass ich mich früher nie der falschen Rede schuldig gemacht hatte, und wünschte mir lediglich, mich ihrer von nun an zu enthalten. Ich fragte den Meister, wie ich das Gebot der Geduld befolgen solle. Der Meister sagte: Wenn etwas geschieht, streite nicht darüber, wer recht und wer unrecht hat, und hafte nicht an Gut und Böse, Schön und Hässlich im Leben an. Alles, was derzeit geschieht, musst du ertragen und sollst du auch ertragen; du sollst nicht nur darauf verzichten, mit deinem Ehemann zu streiten, sondern darfst in deinem Herzen nicht einmal Groll aufkommen lassen. Genau das musst du derzeit bei der Einhaltung des Sila unbedingt tun.

Ich befolgte sogleich die Worte des Meisters und stritt nicht mehr mit meinem Ehemann. Ganz gleich, was mein Ehemann sagte, bemühte ich mich, mein Gemüt zu beruhigen, hörte nur schweigend zu und ließ es zum rechten Ohr hinein- und zum linken wieder hinausgehen. Doch so sehr ich mir das auch vorsagte, in meinem Herzen wallte es dennoch auf. Gekränktheit, Zorn und Groll zerfleischten meine Seele, und Tränen füllten meine Augen.

Aus Enttäuschung oder Trotz begann mein Ehemann, sich nicht mehr um mich und das Kind zu kümmern; manchmal trank er und kam erst sehr spät in der Nacht nach Hause, gelegentlich blieb er auch die ganze Nacht fort …

Meine Praxis blieb unvermindert eifrig, doch meine Stimmung war außergewöhnlich schlecht, und mein Gemütszustand war oft aus dem Gleichgewicht. Manchmal blickte ich auf die liebenswerten Kinder, blickte auf dieses Zuhause und dachte: Ich sollte die Praxis des Weges einfach aufgeben — warum sollte ich um der Praxis willen alles verlieren, was ich jetzt habe! Dem Meister gegenüber blieb ich ehrerbietig, doch die frühere Anhänglichkeit war verloren. Der Meister kümmerte sich unverändert um mich; er belehrte mich nicht groß, sondern ließ mich manchmal sogar einkaufen gehen und neue Kleider kaufen, um mich abzulenken. Er sagte: In dieser Zeit genügt es, wenn du dein inneres Gleichgewicht wiederfindest; jede Methode wird dann zum besten Dharma-Tor.

Während dieser Zeit blieb ich – trotz meines Meisters – nach dem Aufstehen aus der Sitzmeditation verwirrt, orientierungslos, gekränkt, gequält, erschöpft und niedergeschlagen. Ich begann sogar, mich immer wieder selbst zu hinterfragen, und fragte mich, warum ich überhaupt praktizierte und was ich eigentlich erreichen wollte. Deutlicher als zuvor erkannte ich meine verborgenen Begierden und Gewohnheitstendenzen: Ich unterschied mich in nichts von anderen – und mir schien, je mehr ich praktizierte, desto mehr machte ich Rückschritte.

Ich glaubte, nicht die geringste Weisheit zu besitzen; selbst meine gewöhnliche Klugheit war dahin. Ich wurde benommen und verwirrt und verlor immer mehr die Richtung in meinem Leben. Ich wusste nicht, was ich Tag für Tag tat, noch was die Zukunft für mich bereithielt. Buddhaschaft war für mich nur ein verschwommener Begriff. Was ist Buddha? Ich wurde immer ratloser. Ich hörte nur noch jeden Tag, was der Meister sagte, und tat genau das, was er mir auftrug. In meinem Herzen gab es keine eigenen Gedanken mehr; ich hielt mich für sehr dumm und töricht. Dem Meister gegenüber aber blieb ich stets voller Vertrauen und Ehrfurcht und habe nie an ihm gezweifelt. Die Belehrungen des Meisters in jener Zeit dienten nur dazu, mein Gemüt nach Kräften im Gleichgewicht zu halten; zum anderen sollte ich das Sila der Geduld wahren.

Ich fand, dass das Einhalten des Sila eine wahrhaft qualvolle Sache war: Den Mund zu halten und nicht zu erwidern war noch machbar, aber im Herzen nicht den leisesten Groll aufsteigen zu lassen – das war kaum zu schaffen! Dennoch gab ich mein Bestes. Ich dachte mir: Wenn ich es einmal schaffe, dann schaffe ich es auch ein zweites Mal. Diese Einsicht stammte aus meinen ersten Tagen der Sitzmeditation: Wenn ich in meditative Versenkung eintauchte, ging es mir sehr gut.

Allmählich wurde mir klar, dass ich am Anfang meiner Kultivierung und Verwirklichung allein durch die Segenskraft des Meisters sofort in die Versenkung eintreten konnte. Außerdem war meine innere Haltung entspannt und frei von jeder Verständnisblockade. Später, als ich die Sitzmeditation wirklich ernst nahm, konnte ich im Gegenteil nicht mehr sitzen bleiben. Im weiteren Verlauf meiner Übung wurden auch die zerstreuten Gedanken in mir mehr; schon nach gut vierzig Minuten (ich saß immer im halben Lotossitz) begannen beide Beine zu schmerzen. Der Meister sagte mir, ich dürfe nicht von meinem Sitz aufstehen, sondern müsse Sekunde um Sekunde aushalten. Und er ermutigte mich unentwegt: noch eine Sekunde, noch eine Sekunde … Der Schmerz wanderte allmählich vom Fußgelenk zur Hüfte und kreiste zwischen diesen beiden Stellen, manchmal schwitzte ich vor Schmerz am ganzen Kopf … Da verschwand der Schmerz mit einem Mal! Im selben Augenblick durchströmte ein wohliges Gefühl beide Beine und den ganzen Körper. Der Meister sagte, wenn man auf diese Weise einige Male durchhalte, werde es nicht mehr wehtun, doch manchmal stelle sich Taubheit ein. Diese Erfahrung übertrug ich auf die Einhaltung der buddhistischen Regeln: Jedes Mal, wenn ich im Begriff war, in Wut zu geraten, sagte ich mir, ich wolle noch ein wenig aushalten, Sekunde um Sekunde.

Aber wenn wir nicht die Weisheit haben, die wahre Natur der Dinge zu erkennen und sie dadurch schließlich anzunehmen und aufzulösen, ist das Ertragen nur etwas Vorübergehendes. Und die Geduld eines Menschen ist gewiss begrenzt: Hält man lange genug durch, bricht all die aufgestaute Geduld in einem einzigen Augenblick hervor, Es ist, als würde man eine ganze Weintraube abschütteln: All die Dinge, die man in der Vergangenheit ertragen musste, kommen plötzlich wieder hoch – und auf einmal begleicht man die ganze Rechnung.

Genau so war ich damals: Der plötzliche Ausbruch meines Zorns war wie Wahnsinn! Ich warf die Ermahnungen meines Meisters völlig in den Wind und vergaß auch all die Erziehung, die mir meine Eltern angedeihen ließen. Ich fluchte und zerschlug sogar einige Ding in unserm Haus. Mein Ehemann betrachtete mein Verhalten geradezu mit Verachtung. Als ich dieses „Meisterwerk“ vollbracht hatte, beruhigte ich mich und machte mich selbst völlig nieder; ich schämte mich so sehr, dass ich mich nicht mehr traute, mich mit dem Meister auszutauschen. Der Meister tadelte mich jedoch nicht, sondern tröstete mich nur und sagte: „Was vorbei ist, darüber musst du nicht mehr nachgrübeln. Was du in der Vergangenheit falsch gemacht hast, ist bereits getan. Wenn du es weiterhin im Herzen festhältst, machst du aus einem Fehler nur noch einen zweiten! Kind, die Energie in deinem Körper ist sehr groß. Bei deiner bisherigen Kultivierung und Verwirklichung haben sich deine Energiekanäle bereits zu wandeln begonnen. Dass du deine aufsteigenden Gedanken nicht im Zaum halten kannst, ist sehr gefährlich. Von jetzt an sollst du jedes Jahr eine Zeit lang dem weltlichen Leben entfliehen, in die Berge gehen und dich dort gezielt der Kultivierung und Verwirklichung widmen, um die Umwandlung deiner Energiekanäle abzuschließen. Den genauen Zeitpunkt und Ort werde ich dir zu gegebener Zeit mitteilen.“

Tatsächlich dauerte es nicht lange, da teilte mir der Meister mit, ich sollte an einem bestimmten Tag zum Berg Putuo gehen, dort über zwanzig Tage bleiben und dann schnell zurückkehren. Nachdem ich die Nachricht des Meisters erhalten hatte, hatte ich einige Bedenken: Erstens würde mein Ehemann sicher nicht zustimmen, wenn ich so lange unterwegs wäre. Obwohl das Kind bereits fast zwei Jahre alt war, war es noch sehr klein, und es widerstrebte mir, es einem jungen Kindermädchen anzuvertrauen. Zweitens das finanzielle Problem. Der Berg Putuo war weit von Shanxi entfernt, und der Meister hatte außerdem angeordnet, mit dem Flugzeug zu fliegen; das kostete eine Menge Geld, und ich hatte überhaupt keins.

An dieser Stelle muss ich von meinem jüngeren Bruder erzählen.

Wir sind vier Geschwister, und ich bin das dritte Kind. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater ein gewöhnlicher Staatskader; meine ältere Schwester und mein älterer Bruder sind beide Beamte der Stadtverwaltung. Mein jüngerer Bruder absolvierte an der medizinischen Hochschule die Fachrichtung Traditionelle Chinesische Medizin und wurde anschließend der städtischen Pharmafabrik zugewiesen. Ein halbes Jahr später kündigte er seine Stelle und eröffnete in der Stadt eine eigene Privatpraxis. Er ist umgänglich und von äußerst freundlicher Art. Obwohl er keinen besonderen Ruf hat, kommen dennoch viele Patienten gern zu ihm in die Praxis. Da er für sich selbst arbeitete, war er in seiner Zeiteinteilung frei; in jener Zeit übte er in seiner Freizeit etwas hartes Qigong, praktizierte Taijiquan und las auch buddhistische Sutras und übte sich in meditativer Versenkung. Ich schilderte ihm die Zustände, die nach Beginn meiner Sitzmeditation aufgetreten waren, und erzählte von einer ganzen Reihe außergewöhnlicher Erlebnisse. Nachdem er zugehört hatte, zeigte er kein Interesse an den Zuständen, die ich gesehen hatte, sondern fragte mich nur ganz ruhig: „Welche Lehre hat dir jener Meister vermittelt?“ Ich sagte, ich hätte im Herzen etwas begriffen, könne es aber nicht ausdrücken. Er bat mich, meine Erkenntnis in einfachen Worten wiederzugeben. Nachdem er zugehört hatte, sagte er: „Auch wenn ich die buddhistischen Sutras nicht umfassend verstehen kann, so scheint seine Lehre doch nicht im Widerspruch zu den Lehren der buddhistischen Klassiker zu stehen; er dürfte wohl kaum ein verwandelter Dämon sein.“ Ich dachte bei mir: Dass sich ein Dämon in einen Mönch verwandeln könnte, um mich zu betrügen, daran habe ich nie gedacht; und wie sieht ein Dämon aus, wie sieht ein Buddha aus? Ich meine, gerade weil ich damals nur wenige buddhistische Sutras gelesen hatte, machte ich mir darüber umso weniger Gedanken.

Aber die Bestätigung durch meinen Bruder wirkte auf mich wie eine Beruhigungspille: Zumindest glaubte er, dass das, was ich erzählte, wahr war, und er zog es überdies ernsthaft in Betracht. Von da an suchte ich während des gesamten Prozesses der Kultivierung und Verwirklichung oft das Gespräch mit ihm. Wenn ich ihm von den Erscheinungen in meiner meditativen Versenkung erzählte und kaum die Hälfte geschildert hatte, führte er meine Worte bereits fort und beschrieb die zweite Hälfte der Szene – das versetzte mich in großes Staunen. Er sagte, er , es glaube, dass es genau so sein müsse. Doch wenn er selbst in Sitzmeditation verharrte, konnte er nichts sehen – nur eine schwarze, undurchdringliche Finsternis, nicht den geringsten Schimmer von Licht. Und doch kannte er meine inneren Zustände.

Er sagte oft zu mir: „Warum hast du nur so viele Eigenheiten einer kleinen Frau?“ Ich entgegnete: „Du sitzt nun schon seit so viele Jahre da wie ein Stück dürres Holz, ohne die geringste Funken von Lebendigkeit.“

Da der Meister diesmal wollte, dass ich zum Berg Putuo gehe, war er natürlich der Erste, den ich aufsuchte, um einen Ausweg zu finden.

Bald hatte er einen Plan gefasst: Meinen Mann würde ich selbst überzeugen; Tagsüber sollten meine Mutter und meine älteste Schwester sich abwechselnd um das Kind kümmern; und da die Arbeitsstelle meiner unverheirateten Schwägerin, der jüngeren Schwester meines Mannes, in der Nähe meiner Wohnung lag, sollte sie nachts bei mir wohnen und das Kind kümmern. Was das Geld betraf, so wollte mein jüngerer Bruder sein frisch bezogenes Ehehaus verkaufen; er und seine Frau würden weiterhin bei meinen Eltern leben, und dann würde er mich zum Berg Putuo begleiten.

Auch ich wusste keinen besseren Weg, also mussten wir getrennt vorgehen. Außer meiner ältesten Schwester, die sofort bereitwillig zustimmte, befürwortete niemand unseren Plan. Meine Eltern waren zwar innerlich nicht gegen meine Praxis, meinten aber, es genüge doch völlig, zu Hause vegetarisch zu essen, dem Buddha Gaben darzubringen und Sutras zu lesen – warum also das Haus verlassen, um zu praktizieren! Meine Mutter fürchtete zudem, meine Praxis könne die Familie zerstören. Doch mein jüngerer Bruder und ich blieben entschlossen und redeten unablässig auf alle ein; als der Tag der Abreise näher rückte und das Haus verkauft war, stand die Sache fest.

Am Abend vor der Abreise kam mein Mann spät in der Nacht betrunken nach Hause. Als wir am nächsten Tag aufbrachen, kehrte er plötzlich von seiner Arbeitsstelle zurück. Er sagte kein Wort, sondern trug mir lediglich den Koffer hinunter, Tränen in den Augen. In meinem Inneren war es, als hätte sich die Flasche der fünf Geschmäcker umgestürzt – ein Gefühl tiefer Unruhe erfüllte mich. Nachdem ich mich von meinen Eltern verabschiedet hatte, machte ich mich auf den ersten Abschnitt meiner Pilgerreise zu den heiligen Bergen – zum Berg Putuo, dem Ort, an dem der Bodhisattva Guanyin wirkt.

Wir flogen nach Ningbo und übernachteten dort eine Nacht, ehe wir das Schiff nahmen. Als das Schiff den Berg Putuo erreichte, kamen wir in einem Hotel nahe dem Meer unter. In meditativer Versenkung hatte ich unzählige Male das Südmeer gesehen, den Bodhisattva Guanyin in weißen Gewändern, und auch jenes ohrenbetäubende Rauschen der Meeresbrandung gehört. Heute saß ich endlich selbst am Ufer des Südmeeres. Ich blickte auf die unendliche Meeresfläche, lauschte dem Geräusch der auf- und ablaufenden Gezeiten, und mein Herz wurde weit und still. Die Ängste, Unruhen und Erschöpfungen der vergangenen Tage waren vom Meerwasser vollständig fortgespült worden.

Am nächsten Tag wollten wir zum Berg Luojia aufbrechen. Als wir am Kai ankamen, legte wegen des hohen Seegangs kein einziges Schiff ab. Wir standen am Kai und warteten. Schließlich fand sich ein privates kleines Boot, das bereit war auszulaufen, aber der Fahrpreis war um zehn Yuan gestiegen. Gemeinsam mit über zehn weiteren Reisenden charterten wir das Boot. Die Kajüte war sehr klein, und wir saßen alle dicht gedrängt auf ihren Bodenbrettern.

Das Boot legte ab, und der Seegang war hoch. Zum ersten Mal saß ich auf einem so kleinen Boot; mein Herz war voller Aufregung und Neugier, und ich dachte überhaupt nicht an irgendeine Gefahr. Die anderen im Boot waren wohl allesamt fromme Buddhisten aus der Gegend – fast alle hielten Gebetsketten in den Händen und trugen Weihrauchbeutel auf dem Rücken, und kaum an Bord gekommen, rezitierten sie Namo Bodhisattva Guanyin. Ich dachte: Es ist eben doch der Ort des Wirkens des Bodhisattva Guanyin – die Menschen hier glauben wirklich so hingebungsvoll an den Bodhisattva Guanyin.

Das Boot war in die Mitte des Meeres gelangt, und plötzlich wurden Wind und Wellen noch stärker. Das Holzschiff schwankte heftig, und aus Angst, die Wellen könnten in den Schiffsraum dringen, war der Eingang des kleinen Bootes mit einem dicken Vorhang verhängt. Im Inneren war es dunkel und stickig. Ich hatte das Gefühl, das Boot verliere die Richtung, es schien sich auf der Stelle zu drehen, und das Schlingern wurde immer heftiger. Die Leute im Schiffsraum wurden hin und her geworfen und drängten sich zu einem Knäuel zusammen. Einige begannen zu erbrechen. Ein Kind mit feinen Gesichtszügen, das gerade den Buddha-Namen rezitierte, zog rasch einen Stapel Plastiktüten aus seinem Weihrauchbeutel und verteilte sie an alle. Das war wirklich die Rettung! Beinahe ohne Zeit, sich zu bedanken, vergruben alle den Mund in den Plastiktüten und erbrachen heftig.

Ich hatte das Gefühl, mir würden gleich die Eingeweide herauskommen. Während sich alle übergaben und einem Hören und Sehen verging, begann das Boot allmählich anzuhalten – endlich waren wir da!

Nachdem wir von Bord gegangen waren, begann es zu regnen. Einige Passagiere stritten sich mit dem Bootseigner um irgendetwas, während mein jüngerer Bruder und ich uns beeilten, mithilfe der Karte das Kloster zu suchen. Nachdem wir gut zehn Minuten gegangen waren, fanden wir beide, dass etwas nicht stimmte, und mein Bruder fragte einen Straßenhändler nach dem Weg. Der Mann sagte, das hier sei nicht der Berg Luojia; um zum Berg Luojia zu gelangen, müsse man mit dem Boot übersetzen.

Wir beide blickten über das im Nieselregen verschleierte Meer in die Ferne und kamen erst jetzt wie aus einem Traum zu uns. Es stellte sich heraus, dass das Boot auf halber Strecke wegen des zu starken Sturms zum Anleger zurückgekehrt war. Wir beide kannten uns auf der Insel nicht aus und hatten nicht erkannt, dass der Ort, an dem wir gerade von Bord gegangen waren, derselbe war, an dem wir an Bord gegangen waren. Wir sahen einander an, und konnten nicht anders, als laut loszulachen …

Zwei Tage später war das Meer wieder ruhig, und wir beide bekamen schließlich unseren Wunsch erfüllt: Wir fuhren mit dem Schnellboot zum Berg Luojia. In jener Nacht schlief ich im Hotel tief und fest, doch mitten in der Nacht wurde ich plötzlich aus einem Traum gerissen – das Zimmer, in dem wir wohnten, war in grelles weißes Licht getaucht. Eine weiße Statue des Bodhisattva Guanyin stand mitten im Zimmer! Sie war groß und erhaben, ihr Kopf reichte bis an die Decke. Es war das erste Mal, dass ich die Statue des Bodhisattva Guanyin sah, ohne mich in meditativer Versenkung zu befinden. Besorgt warf ich einen Blick auf meinen jüngeren Bruder, der auf dem anderen Bett schlief; er schien sehr tief zu schlafen. Ich wagte nicht, ihn zu rufen, und starrte nur wie erstarrt auf die Statue. Ich hatte das Gefühl, gleich zu ersticken. Im Zimmer war es so still, dass ich mein eigenes Atmen und meinen Herzschlag hörte.

Plötzlich verschwand die Statue, und das Zimmer lag in völliger Dunkelheit. Nur das Geräusch der Meeresbrandung drang Welle um Welle von draußen herein. Ich machte mir nicht viel daraus, fand es nur ein wenig seltsam – aus welchem Grund der Bodhisattva Guanyin sich wohl so gezeigt hatte. Danach schlief ich wieder ein.

Die Reise zum Berg Putuo endete erfolgreich. Abgesehen davon, dass ich dem Auftrag des Meisters folgend allen Tempeln der Insel meine Ehrerbietung erwiesen hatte, nutzte ich die übrige Zeit für Sitzmeditation und die Übung der meditativen Versenkung. Auf dem Berg Putuo spürte ich keine Veränderung meiner körperlichen Energiekanäle. An dieser Stelle möchte ich noch etwas einschieben: Als ich etwa im Teenageralter war, kam es häufig vor, dass ich plötzlich bemerkte, wie ich größer oder kleiner wurde. Das war nur ein seltsames Gefühl; ich fand nichts Besonderes daran und erwähnte es nie gegenüber meinen Eltern. Als ich älter war, geschah es manchmal, dass ich mit einer Tischrunde aß, kurz in Gedanken versank und die Menschen vor mir plötzlich völlig verwandelt waren: Einige waren Hunde, Katzen oder Schweine, und manche hatten einen Schwanz, der auf dem Stuhl hin und her schwang. Ich wunderte mich nicht darüber, sondern ertappte mich immer wieder bei dem staunenden Gedanken: Das Leben ist wirklich wundersam – wie kann die Welt sich nur verändern, sobald einem kurz die Sicht verschwimmt?

Nachdem der Meister mich einige Zeit in der meditativen Versenkung unterwiesen hatte, konnte ich plötzlich durch die Körper der Menschen hindurch Knochen und innere Organe sehen – nur war das nicht sehr stabil. Manchmal wollte ich sehen und konnte nichts erkennen, und wenn ich nicht sehen wollte, hatte ich die Augen voller Herzen, Lebern, Milzen und Lungen der Menschen und fand das sehr lästig! Der Meister sagte mir, das sei das Himmlische Auge; meine Energie des Himmlischen Auges sei unzureichend, daher sei es nicht stabil, später werde es sich stabilisieren.

Tatsächlich gewann ich mit zunehmender meditativer Stabilität immer mehr die Kontrolle über mich selbst. Wenn ich nicht sehen wollte, konnte ich das Himmlische Auge einfach schließen. Und nachdem der Meister die fünf Augen und die sechs übernatürlichen Kräfte des Buddhismus erklärt hatte, konnte ich die Phänomene, die an mir selbst auftraten, in Ruhe verstehen und annehmen. Zur Frage der übernatürlichen Kräfte belehrte mich der Meister: „Spiel nicht mit übernatürlichen Kräften. Erstens sind deine Energiekanäle noch nicht vollständig geöffnet, von einer vollständigen Umwandlung ganz zu schweigen. Der Gebrauch übernatürlicher Kräfte verbraucht sehr viel Energie, wodurch es noch schwerer wird, die Energie zu bündeln und die weitere Umwandlung des Körpers zu erreichen. Zweitens zieht das Spielen mit übernatürlichen Kräften leicht äußere Dämonen an und mischt sich in die Ursache und Wirkung anderer Menschen ein.“ Ich fragte: „Aber spielen nicht viele Bodhisattvas in den Sutras mit übernatürlichen Kräften?“ Der Meister lächelte und sagte: „Wenn du die Leerheit verwirklicht hast, kannst du spielen, wie du willst. Außerdem kann das bei dir noch nicht als übernatürliche Kraft gelten, es ist nur eine kleine Fähigkeit.“ Damals war ich der Ansicht, dass übernatürliche Kräfte nichts Schlechtes waren – selbst eine kleine Fähigkeit konnte einen leicht rechtes Vertrauen in das Buddha-Dharma fassen lassen, und die Praxis würde nicht langweilig erscheinen; meditative Zustände zu sehen, stärkte das Vertrauen in den Weg der Praxis.

Aber alles hat Vor- und Nachteile: Wer über kleine übernatürliche Kräfte verfügt, gerät leichter in Gefahr, vom rechten Weg abzukommen und von Dämonen befallen zu werden. Denn das Loslassen von Gier, Hass, Verblendung, Stolz und Zweifel im Herzen ist etwas, wobei übernatürliche Kräfte nicht helfen können. Wenn wir am Ende nicht die Gewohnheitsenergien durchbrechen und die Weisheit erwecken können, dann können wir – selbst wenn unsere übernatürlichen Kräfte noch so groß wären – letztlich keine Freiheit von Geist und Körper erlangen, und wir können auch nicht nach Belieben mit übernatürlichen Kräften spielen …

Nach meiner Rückkehr vom Berg Putuo war zu Hause alles ruhig, und jeder kehrte an seinen Platz zurück. Als größten Gewinn empfand ich, dass mein Herz weiter geworden war und meine innere Haltung immer gelassener wurde. In dieser Zeit begann ich, massenhaft buddhistische Sutras zu lesen – alle buddhistischen Schriften, die ich kaufen oder ausleihen konnte, las ich mit Heißhunger: das Diamant-Sutra, das Lotos-Sutra, das Sutra der vollkommenen Erleuchtung, das Shurangama-Sutra, das Lankavatara-Sutra, das Mahaparinirvana-Sutra, das Platform-Sutra des Sechsten Patriarchen, Die fünf Lampen, dazu die Unterweisungen von Nan Huai-Chin, Yuan Yin und einigen tibetischen Rinpoches sowie manche Schriften des Konfuzianismus und Daoismus. Ich konnte nicht alles verstehen, was in den Büchern dargelegt wurde, und konnte es mir obendrein überhaupt nicht merken. Fragte mich jemand, wovon das Shurangama-Sutra handle, hätte ich vielleicht den Inhalt des Lankavatara-Sutra erzählt; nur ich selbst wusste, was ich davongetragen hatte. Beim Lesen der Sutras erfüllte mich stille, heimliche Freude – eine Freude, als hätte ein Dieb Juwelen von unermesslichem Wert gestohlen … Und in jedem Buch genügte ein einziger Satz, der zu meiner damaligen inneren Haltung passte und das Problem in meinem Herzen löste, und ich spürte sofort, wie sich in mir plötzlich ein Knoten löste, und mein Herz blühte vor Freude auf. Es war ein Gefühl, als ginge mir mit einem Schlag ein Licht auf, als würde mir erleuchtende Klarheit eingegossen! Ich schwelgte im Meer der buddhistischen Sutras und konnte mich gar nicht losreißen …

In jener Zeit begann auch mein Körper zu reagieren. Zuerst kamen heftige Kopfschmerzen, die eine Weile anhielten. Als ich nach innen blickte, waren sämtliche Energiekanäle in meinem Kopf rot geworden, wie glühende Stahlrohre. Die Schmerzen waren so stark, als hätte ich eine akute Hirnhautentzündung; selbst tiefes Atmen oder leichtes Drehen des Kopfes war unerträglich und ließ mein Gesicht sich vor Schmerz verzerren. Ich lag regungslos im Bett und sah, wie sich auf meinem Scheitel eine Lotusblüte aus Fleisch öffnete; jedes Mal, wenn sich ein Blütenblatt entfaltete, durchfuhr mich ein bohrender Schmerz … Als die Blüte schließlich vollständig geöffnet war, senkte sich der Energiekanal auf meinem Scheitel und wurde zu einer Art Radarempfänger.

Dieser Prozess dauerte etwa zwei Wochen. Da mein Meister mir gesagt hatte, die Energiekanäle befänden sich in Umwandlung und ich solle ihnen keine Beachtung schenken, war ich weder überrascht noch ängstlich.

Das zweite Phänomen war, dass ich zeitweise kein Verlangen nach Essen hatte und nur Wasser trank, gelegentlich etwas Obst aß. Manchmal sieben Tage, manchmal etwa zwei Wochen. Wie auch immer – ich überließ alles dem natürlichen Lauf der Dinge: Wenn ich Hunger hatte, aß ich; wenn nicht, aß ich nicht. Den Veränderungen meines Körpers schenkte ich nicht allzu viel Aufmerksamkeit.

Zu dieser Zeit kamen Freunde, die dem Buddhismus zugetan waren oder Qi Gong praktizierten, oft zu Besuch. Außer sie herzlich zu empfangen, redete ich ausführlich mit ihnen über buddhistische Theorien, drängte ihnen meine keineswegs ausgereiften buddhistischen Ansichten regelrecht auf und suchte sie nachdrücklich zu überreden, dem Buddhismus zu vertrauen und das Buddha-Dharma zu praktizieren und zu verwirklichen – ohne ihnen die geringste Gelegenheit zu lassen, ein Wort dazwischenzuschieben. Manche Freunde, denen der Dharma gleichgültig war, hielten wahrhaftig das »Gebot der Geduld« ein; fast alle hörten mit großer Geduld zu, wie ich ihre Ohren Runde um Runde bombardierte. Erst wenn es Zeit zum Mittagessen geworden war oder schon sehr spät, verabschiedeten sie sich höflich. Ich bat sie dann immer wieder zu bleiben und drückte ihnen manchmal sogar ein paar buddhistische Schriften in die Hand, die ich für sehr wertvoll hielt, und sagte ihnen, die Bücher seien so gut, dass sie sie um keinen Preis verlieren dürften; beim nächsten Mal würden wir gemeinsam darüber diskutieren.

Ich weiß nicht, wie meine Freunde meinen damaligen Fanatismus aushielten, ohne mit mir zu brechen. Das Endergebnis war, dass fast alle meine Freunde begannen, dem Buddhismus zuzuneigen oder sich dafür zu interessieren, meditative Versenkung zu praktizieren.

Obwohl ich auf die Worte des Meisters hörte und übernatürliche Kräfte nach Möglichkeit nicht einsetzte, spielte ich manchmal doch damit, wenn gute Freunde da waren – etwa wenn ich mir ansah, ob ihre inneren Organe etwas hatten, oder manche Dinge aus ihren früheren Leben betrachtete. Ich erinnere mich, dass eines Tages eine Tante zu Besuch kam; halb im Scherz, halb im Ernst forderte sie mich auf, mir anzusehen, ob sie gynäkologische Probleme hatte. Ich untersuchte ihre Gebärmutter und fand darin einen schwarzen Tumor. Sofort sagte ich: „In deiner Gebärmutter ist ein bösartiger Tumor gewachsen.“ Kaum hatte ich das gesagt, bereute ich es schon – wie unbesonnen von mir! Nach meiner damaligen Erfahrung beim Untersuchen von Krankheiten lassen sich Tumore und Zysten im menschlichen Körper im Allgemeinen in zwei Farben unterscheiden: eher schwarz oder eher rot. Schwarz deutete meist auf bösartige Veränderungen hin, Rot auf gutartige. Doch da ich inzwischen schon lange als Arzt praktiziere, weiß ich, dass manche gutartigen Tumore, wenn sie schon zu lange bestehen und der Patient an zu schwachem Qi und Blut leidet, ebenfalls für kurze Zeit ein schwärzliches Licht ausstrahlen; nach einer Zeit der Behandlung mit Medikamenten und der Regulierung des Körpers färbt sich das Licht des Tumors wieder rot, und er zieht sich allmählich zusammen.

Als die ältere Dame meine Worte hörte, verfärbte sich ihr Gesicht sofort und sie brach in Tränen aus. Ich hatte nicht erwartet, dass sie so verletzlich war, und beeilte mich, sie zu beruhigen: Manchmal träfe auch ich nicht ganz richtig, und sie könne im Krankenhaus noch einmal nachsehen lassen; wenn es wirklich so sei, wie ich gesagt hatte, sei es nur gut, dass man es früh entdeckt habe. Sie ging auf meinen Trost nicht ein und ging tatsächlich weinend davon. Niedergeschlagen saß ich zu Hause. Ich wusste, dass ich früher schon manchen Kranken untersucht hatte und dass meine Ergebnisse, sobald ich bei ihnen unabsichtlich eine Krankheit entdeckt hatte, im Allgemeinen äußerst zuverlässig gewesen waren. Sie tat mir von Herzen leid, und ich dachte, ich wolle künftig niemandem mehr Krankheiten nachweisen; selbst wenn ich sie entdeckte, könnte ich den Betroffenen doch nicht helfen, sondern ihnen nur zusätzlichen Schmerz zufügen. Zugleich aber schien mir, dass ein Praktizierender, der sieht, dass jemand krank ist, und es ihm verschweigt, ein schlechtes Gewissen hätte. Ich saß lange Zeit allein da und dachte still bei mir: Wenn ich doch nur ein guter Arzt wäre. Wie schön wäre es, Kranke zu heilen und Menschen zu retten wie einst Li Shizhen, Hua Tuo und Bian Que. Ich hätte nicht gedacht, dass sich dieser Wunsch schon bald erfüllen würde!

Eines Abends saß ich gerade in Sitzmeditation, da kam der Meister und sagte, er wolle mich zu einem Meister bringen. Nachdem wir eine Weile in meditativer Versenkung gegangen waren, führte mich der Meister zu einem Grab, auf dessen Grabstein „Grab des Li Shizhen“ stand! Der Meister hieß mich, mich vor dem Grab zu verneigen. Ohne zu zögern verneigte ich mich vor dem Grabstein. Da platzte das Grab plötzlich auf, ein Mann sprang heraus, ergriff meine Hand und rief: „Ich habe lange auf dich gewartet! Komm, ich zeige dir die Heilkräuter.“ Bevor ich begreifen konnte, hatte er mich schon zu einem mit Heilkräutern bewachsenen Hügel gebracht. Aufgeregt nannte er mir die Namen der Kräuter, ein Kraut nach dem anderen. Er sprach sehr schnell, und ich bemühte mich, mir alles einzuprägen …

Als ich aus der Versenkung erwachte, erinnerte ich mich voller Zweifel an das Erlebnis in der meditativen Versenkung: War ich eben in Trägheit verfallen, eingeschlafen und hatte geträumt?! Li Shizhen lebt seit fast tausend Jahren nicht mehr – ist er immer noch nicht wiedergeboren worden? Aber mein Gehirn hatte sich die Namen einiger Heilkräuter und ihr Aussehen klar eingeprägt. Ich zeichnete sie einfach auf Papier und wollte am nächsten Tag meinen jüngeren Bruder fragen.

Am nächsten Tag hörte mein jüngerer Bruder auf meine Worte, betrachtete die von mir gezeichneten Abbildungen und die Arzneinamen und sagte: „Ich schlage im Bencao Gangmu nach.“ Tatsächlich fand er in dem Buch die Namen der von mir genannten Arzneien, und die daneben abgebildeten Muster glichen meinen Zeichnungen beinahe vollständig. Er sagte, diese Heilkräuter seien nicht gebräuchlich und auch er kenne ihre Namen nicht. In meditativer Versenkung sagte mein Meister zu mir: „Du kannst Li Shizhen als deinen Lehrer annehmen und dich von ihm in das Wissen der chinesischen Medizin einführen lassen.“ Von da an wurde Li Shizhen mein zweiter Meister. Später kam noch ein Meister namens Huang hinzu, der mir ausschließlich Akupunktur beibrachte. Wie zuvor, als ich gemeinsam mit meinem Meister lernte, lauschte ich nun jeden Tag, nachdem ich in die Versenkung eingetreten war, Li Shizhen, der mir die Theorien der chinesischen Medizin vortrug, und Meister Huang, der mir die Akupunktur erläuterte. Sie unterrichteten in hohem Tempo, und dabei verbanden sie lebendige Bilder mit ausführlichen Erläuterungen. Erklärte Li Shizhen zum Beispiel eine Heilpflanze, so erschien sie lebendig vor mir. Wenn ich sie nicht deutlich erkennen konnte, wurde sie im Nu um das Mehrtausendfache vergrößert. Erklärte Li Shizhen die Arzneinatur einer Pflanze – etwa dass sie von kalter Natur sei und säuerlich schmecke –, so stellten sich in meinem Magen zugleich Empfindungen von Kälte und Säure ein. Erklärte er, durch welche Leitbahnen der chinesischen Medizin die Arznei wanderte, so erschien vor mir ein lebendiger menschlicher Körper, nur dass er durchsichtig war; ich konnte klar erkennen, wie sich die Arznei bei verschiedenen Kombinationen und Dosierungen durch seine Energiekanäle bewegte …

Als Meister Huang über Akupunktur sprach, erschien auch vor mir ein durchsichtiger menschlicher Körper. Sein Qi und Blut zirkulierten, die Leitbahnen der chinesischen Medizin waren durch dunkles Licht miteinander verbunden, und an den Akupunkturpunkten leuchtete es besonders hell und bildete flimmernde Lichtpunkte. Li Shizhen und Meister Huang verständigten sich nicht so mühelos mit mir wie der Meister; oft wussten wir nicht, was der andere ausdrücken wollte. Wenn ich ihrem Unterricht lauschte, war mein Geist völlig leer; nachdem ich die Versenkung verlassen hatte, erinnerte ich mich nur an einige Methoden und Bilder aus ihrem Unterricht, während ich von ihrem Inhalt nur wenig behalten hatte. Etwas besorgt fragte ich den Meister: „Wenn ich auf diese Weise Chinesische Medizin lerne, werde ich das Gelernte nach dem Verlassen der Versenkung nicht anwenden können.“ Der Meister sagte: „Das macht nichts. Was sie dir vermitteln, ist bereits als Programm in dein Gehirn eingegeben worden; wenn du es später brauchst, wird es von selbst hervorfließen.“ Ich machte mir keine Sorgen mehr, sondern ging nur noch jeden Tag nach dem Eintritt in die Versenkung zum Unterricht.

Dieses Lernen dauerte mehr als ein halbes Jahr an, bis ein Ereignis eintrat, das es unterbrach.

Eines Tages kaufte mein Mann zehn Pfund Schweinefett und bat mich, daraus Öl auszulassen. Seit meiner Rückkehr vom Berg Putuo löste Fleisch bei mir keinen Ekel mehr aus. In unserer Familie aßen mein Mann, die Haushälterin und die Kinder Fleisch; nur ich aß vegetarisch. Am Vormittag gab ich das gesamte Schweinefett in den Wok und erhitzte es. Als es vollständig zu Öl ausgelassen war, goss ich das Öl in eine große Schüssel. Zu diesem Zeitpunkt begann das Öl bereits, blauen Rauch abzugeben; die Schüssel war randvoll. Die Ölschüssel stand auf der Arbeitsfläche in der Küche. Ich dachte, dieser Platz sei zu niedrig – falls ein Kind zum Spielen käme und die Schüssel aus Versehen umstieße, wären die Folgen unabsehbar. In diesem Augenblick schien mein Kopf wie benebelt: Ich hob die randvolle Schüssel Öl hoch und stellte sie auf das Fensterbrett des Wohnhauses. Das Fensterbrett war nur eine Handbreit schmal; selbst ein Kind hätte erkannt, dass es unmöglich war, die Schüssel dort abzustellen. Aber genau das tat ich damals.

Sobald ich die Schüssel abgestellt hatte, kippte sie sofort zur Seite, und als das Öl herausschwappte, streckte ich die Hand aus, um die Schüssel zu stützen. Die Folge war, dass das ganze Öl auf meinen rechten Arm lief. Ich schrie laut auf und wusste selbst nicht mehr, wie ich aus der Küche ins Wohnzimmer gesprungen war. Als ich wieder zu mir kam, saß ich im Wohnzimmer, stützte mit der linken Hand den rechten Arm ab und weinte laut vor Schmerz; der rechte Arm wurde rasch glutrot, und meine rechte Hand zog sich zusammen wie eine Hühnerkralle. Während das Ölgift Schicht um Schicht ins Fleisch hineinbrannte, durchfuhr mich alle paar Sekunden ein heftiger, bohrender Schmerz. Ich saß auf dem Boden, strampelte wild mit den Beinen und schluchzte laut, ohne auf Anstand zu achten – meine Fassung war völlig dahin. Die erschrockene Haushälterin klopfte im ganzen Treppenhaus an die Türen und bat die Nachbarn um Salbe gegen Verbrennungen.

Nachdem ich etwas Salbe gegen die Verbrennungen aufgetragen hatte, konnte ich den Schmerz vorübergehend ertragen. Plötzlich dachte ich an Li Shizhen, und ich schloss schnell die Schlafzimmertür und begann mit der Sitzmeditation. Ich schien nicht wirklich in meditative Versenkung gegangen zu sein, doch ich sah deutlich, wie Li Shizhen einen Krug kochendes Wasser nahm und es vollständig über meinen Arm goss (dies war ein Zustand der Versenkung, nicht zur Nachahmung geeignet), woraufhin er eine Schale mit einer bereits zubereiteten roten, klebrigen Medizin hervorholte und sie Stück für Stück auf meinen Arm auftrug. Ich spürte, wie mein ganzer Arm allmählich kühl wurde und der Schmerz deutlich nachließ. Da bildeten sich an Hand und Arm große Wasserblasen, und Li Shizhen tröstete mich, während er die Medizin auftrug: „Es ist nichts Schlimmes, nicht allzu ernst, es wird bald wieder gut.“ Ich hatte damals große Angst, dass meine rechte Hand sich nicht mehr würde strecken lassen und ich eine bleibende Behinderung davontragen würde. Der Meister kam, um nach mir zu sehen, und sagte: „Das ist deine vom Schicksal bestimmte Prüfung. Wir haben alles getan, um sie so gering wie möglich zu halten, aber du musst trotzdem ein wenig körperlichen Schmerz ertragen. Sei unbesorgt, du wirst vollständig genesen.“ Dann fuhr der Meister fort: „Deine Verbrennung durch das heiße Öl hat auch einen unerwarteten Gewinn gebracht: Dein schriller Schrei hat einen Freund von mir aus der Versenkung erwachen lassen.“ In diesem Moment befand ich mich in der Versenkung plötzlich in einer Berghöhle, und ich sah, wie auf einem Meditationskissen in der Höhle ein Daoist mit offenem Haar saß. Seine Knochenstruktur war ungewöhnlich, und mit zwei leuchtend funkelnden Augen sah er mich an, dann sagte er zum Meister: „Beinahe hätte ich eine große Sache verpasst!“ Ich sah, wie er aufstand, sich tief vor einem Buch in alter Aufmachung verneigte, das auf einer steinernen Ablage an seiner Seite lag, und es dann sehr ehrerbietig nahm und mir gab. Auf dem Umschlag des Buches stand „Innerer Klassiker des Gelben Kaisers“. Ich setzte mich vor ihn, und er begann, mir den Inhalt des Buches zu erklären. Ich saß benommen da, ohne zu wissen, wie lange, und erwachte dann aus der Versenkung …

Mit Unterstützung der Meister kaufte ich mir im Krankenhaus auch selbst eine Brandsalbe. Eine Woche später waren die großen Blasen vollständig verschwunden, und ich konnte meine Finger wieder geschmeidig ausstrecken, doch die Haut begann zu schwären. Der Meister sagte: „Das Gift des Verbrühungsöls hat bewirkt, dass sich sämtliche Gifte in deinem Körper über die Hände entleeren. Das wird sich mit Unterbrechungen etwa drei Jahre lang hinziehen; es wird etwas jucken, und du musst das durchstehen.“ Ich dachte, Jucken sei doch leichter zu ertragen als Schmerz – ein Mittel gegen den Juckreiz würde genügen, und im Notfall konnte man sich ja kratzen. Dieser Schluss war reichlich voreilig!

Dieser Juckreiz war, als krabbelten Millionen von Ameisen über den ganzen Körper. Sobald Hand und Arm zu jucken begannen, reagierte der gesamte Körper, sogar Zunge und Herz juckten, und mir blieb nichts anderes, als mich im ganzen Bett zu wälzen. Bei Schmerzen konnte ich noch einige Minuten Sitzmeditation ertragen, aber bei Juckreiz war nicht eine Sekunde lang an Sitzmeditation zu denken. Zum Glück folgte der Juckreiz einer Regelmäßigkeit: Am schlimmsten war er gewöhnlich zur Mittagsstunde und zur Mitternachtsstunde. Abends ging ich möglichst früh zu Bett; zur Mitternachtsstunde wurde ich, egal wie fest ich schlief, schlagartig vom Juckreiz geweckt. Mein Mann war damals auf Geschäftsreise, und nur eine alte Haushälterin leistete mir Gesellschaft. Ich bin ihr für ihre Fürsorge sehr dankbar: Sobald sie mitten in der Nacht mein Stöhnen hörte, sprang sie rasch auf, goss das kochende Wasser aus dem Kessel in eine Schüssel, tat eine große Handvoll Salz hinein, und ich tauchte meinen Arm nach und nach hinein. Damals war das Muskelgewebe leicht ulzeriert, und vor lauter Jucken kümmerte es mich nicht einmal, dass das Wasser kochend heiß war. Jeder Juckreiz-Anfall dauerte ungefähr eine halbe Stunde; wenn er abklang, floss aus der aufgebrochenen Haut gelbe Giftflüssigkeit. Weil es um die Ausscheidung von Gift ging, standen die Meister nur daneben, sahen zu und trösteten mich. Einmal sagte ich zum Meister: „Der Juckreiz ist nicht auszuhalten; am liebsten würde ich mir diesen Arm mit einem Messer abhacken.“ Der Meister sah mich voller Mitleid und Sorge an, ohne ein Wort zu sagen. Ich dachte, diesmal konnte mir auch der Meister nicht helfen. Doch einige Tage später führte der Meister freudig eine Person zu mir, die mich besuchte. Der Meister nannte diese Person Meister.

Dieser Mann sah viel jünger aus als der Meister. Er betrachtete meine Hand und sagte dann: „Fangen wir an.“ Der Meister hieß mich, mich zur Sitzmeditation niederzusetzen, und die beiden setzten sich mir gegenüber. Kaum hatte ich mich beruhigt, hörte ich Klänge einer Guqin – vor dem Meister lag bereits eine Guqin, die er gerade spielte, während der andere Meister eine Pipa im Arm hielt. Die Klänge der Guqin des Meisters klangen tief und melodisch, während die Pipa des anderen Meisters nur ein heulendes Geräusch von sich gab, wie wenn der Wind weht.

Im selben Augenblick gingen von den Instrumenten der beiden Meister unzählige Strahlen goldenen Lichts aus, die mich umhüllten. Plötzlich wurde mein ganzer Körper glühend heiß, und ich sah, wie aus meinen Energiekanälen mehrere grelle, blendend weiße Lichtstrahlen hervorschossen, die sich mit dem goldenen Licht vermischten. Die Musik, die an meinen Ohren erklang, wurde immer heftiger. Ich wurde von zehntausend Strahlen goldenen Lichts durchdrungen, löste mich auf und verschwand im Licht. In diesem Augenblick verstand ich plötzlich, dass die beiden Meister mit den fünf Tönen die Giftstoffe aus meinem Körper ausleiteten – dann wusste ich nichts mehr. Als ich wieder zu mir kam, waren beide Meister fort. Ich betrachtete meinen Arm; er war schon etwas besser. Von da an war der Juckreiz deutlich geringer: Nur die verbrannte Stelle juckte noch, die übrigen Stellen juckten nicht mehr mit. Ich wusste nicht, was ich dem Meister sagen sollte, und die Tränen flossen mir still.

Später sagte mir der Meister, ich könne Taijiquan üben, um die Giftstoffe in meinem Arm schneller auszuleiten. Also suchte ich mir einen Lehrer und lernte einige Monate lang Taijiquan und das Taiji-Schwert. Auch wenn ich sie nicht korrekt ausführte, trug das doch zu der Genesung meines Arms bei.

Zum zweiten Mal setzte mich der Meister davon in Kenntnis, dass ich eine Pilgerreise zum Berg Wutai unternehmen sollte. Diesmal gab es zu Hause fast keinen Widerspruch, denn der Berg Wutai liegt nur gut zwei Autostunden von unserem Haus entfernt, und die Reise war kurz – nur eine Woche. Den Berg Wutai hatte ich bereits einmal besucht, doch damals nur zum Vergnügen: Wir kauften ein paar Souvenirs und kehrten wieder zurück. Diesmal war es natürlich anders. Auch meine ältere Schwester war voller Begeisterung; sie nahm sich eine Woche frei, um meinen jüngeren Bruder und mich zu begleiten. In Wutai angekommen, suchten wir uns zuerst ein kleines Gasthaus und quartierten uns dort ein; danach erwiesen wir dem Pusading unsere Ehrerbietung. Als wir in der Großen Halle des Pusading unsere Ehrerbietung darbrachten, erschien plötzlich ein Junge vor uns und sagte: „Bodhisattva Manjushri ist heute nicht da. Er hat mich beauftragt, euch zu sagen, dass er morgen bei Vollmond zurückkehren wird.“ Danach pilgerten wir der Reihe nach zum Dailuo-Gipfel.

Am darauffolgenden Abend war es genau der fünfzehnte Tag des Mondmonats. Ich dachte mir: Bodhisattva Manjushri habe ich noch nie gesehen – heute werde ich unbedingt warten, bis er zurückkommt, um ihn zu sehen. Ab elf Uhr nachts saß ich in Sitzmeditation, das Gesicht dem Fenster zugewandt. Durch die Fensterscheibe konnte ich den klaren Nachthimmel und den hellen Vollmond erblicken, der am Himmel hing. Ich vergaß, ob ich mich in Versenkung befand oder die Augen offen hatte, als ich plötzlich einen kleinen schwarzen Punkt sah, der sich vom Mond her auf mich zuzubewegen schien. Im Nu wurde meine Fensterscheibe von weißem Licht erfüllt, und ich sah, wie Bodhisattva Manjushri, aufrecht auf einem blauen Löwen sitzend, durch das Fenster hereinkam. Ich war völlig verblüfft – wie wunderschön! Wenn ich früher das Schönste gesehen hatte, das ich kannte, nämlich die Himmelsmädchen, so wirkten sie neben der Erscheinung des Bodhisattva Manjushri doch allzu weltlich. In dem verschwommenen Licht zeigte sich Manjushri in männlicher Gestalt, in würdevoller, prächtiger Kleidung; in der Hand hielt er eine Querflöte, die er an den Mund setzte und blies. Der blaue Löwe hatte sich zu seinen Füßen zusammengerollt. Die Flöte schien gespielt zu werden, doch ich vernahm keinen Laut. Ich fragte: „Was bläst der Bodhisattva?“ Manjushri erwiderte: „Ich blase alle Klänge der Welt …“ Manjushri schien zu fragen, ob bei mir alles gut sei. Ich antwortete, es sei alles gut. Ich teilte ihm mit, dass ich am nächsten Tag gedachte, die fünf Terrassen zu pilgern. Nach gut zehn Minuten verschwand die Erscheinung des Bodhisattva Manjushri aus dem Zimmer.

Die fünf Terrassen auf dem Berg Wutai wurden jeweils auf fünf Berggipfeln errichtet und verkörpern die fünf Weisheiten des Manjushri. Die Pilgerfahrt zum Dailuo-Gipfel zählt zur kleinen Pilgerfahrt zu den Terrassen, die Pilgerfahrt zu den fünf Gipfeln zur großen Pilgerfahrt zu den Terrassen. Damals wurden an allen fünf Bergen gerade Serpentinenstraßen gebaut, und Autos kamen nicht hinauf; wir mieteten ein dreirädriges Gefährt, das aus einem Motorrad umgebaut worden war, doch die Wege waren sehr schwer zu befahren. Außer auf die nördliche Terrasse, wohin das Dreirad nicht hinauffahren konnte, fuhren wir bei den anderen vier Terrassen direkt bis auf den Gipfel und brauchten für jeden Berg einen Tag. Nach fünf Tagen hatte die Sonne bei uns allen dreien das Gesicht so verbrannt, dass sich eine Hautschicht ablöste, denn auf der Pilgerfahrt zu den fünf Terrassen erwiesen wir auch allen Tempeln am Wegesrand unsere Verehrung; jedes Kloster, das wir auf der Landkarte finden konnten, mussten wir aufsuchen, und selbst wenn nur noch Ruinen übrig waren, verlangte der Meister, dass ich sie mir ansah – er sagte, es diene dazu, weitreichende gute karmische Verbindungen zu knüpfen. Meine Hand juckte abends nach der Rückkehr immer noch, die Haut war dicht übersät mit kleinen Bläschen, und auch die linke, nicht verbrühte Hand begann – ebenso wie die rechte – rot zu werden, zu schwären und zu nässen, doch den Juckreiz konnte ich noch ertragen. Der Meister sagte, das sei das Ausscheiden von Giftstoffen; ich solle im Alltag wenig essen und, wenn möglich, am besten gar nichts, dürfe viel Wasser trinken und Obst und Gemüse essen, außerdem viel Sitzmeditation üben und möglichst gelassen bleiben und nicht zornig werden, dann würden sich im Körper weniger neue Gifte bilden.

Nach der Rückkehr vom Berg Wutai fühlte ich mich in Abständen unwohl, hatte oft weder Appetit noch Durst, war am ganzen Körper schlapp und kraftlos und bekam häufig leichtes Fieber, doch nach ein paar Tagen Bettruhe war alles wieder normal. Der Meister sagte, das sei die Umwandlung der Energiekanäle; er sagte, ein Mensch, der seine Energiekanäle vollständig umwandeln wolle, müsse über hundert Mal eine grundlegende körperliche Umwandlung in unterschiedlichem Ausmaß durchlaufen, und die dafür benötigte Energie reiche aus, um mehrere Erden explodieren zu lassen. Ich saß jeden Tag über zwei Stunden in Sitzmeditation; eine Zeit lang schrieb der Meister vor, dass die tägliche Sitzmeditation mindestens acht Stunden betragen müsse, und ich versuchte, mir die Zeit so gut es ging freizuschaufeln. Solange die an einem Tag angesammelte Sitzmeditationszeit acht Stunden erreichte, galt die Aufgabe als erfüllt.

Aber der Meister sagte, damit sei die Energie noch bei weitem nicht ausreichend, vor allem weil man nach dem Aufstehen von der Sitzmeditation durch aufsteigende Gedanken den größten Teil der beim Sitzen gesammelten Energie wieder verbraucht. Darum sagte der Meister: „Bei der Umwandlung der Energiekanäle muss zuerst das Denken umgewandelt werden; je mehr die Gedanken geleert werden, desto mehr Energie kann sich sammeln. Erst wenn der Geist an nichts mehr haftet, geht die Energie nicht mehr in großem Umfang verloren.“ Gewöhnlich verbrauchen die sechs Sinne einen kleinen Teil der in der Sitzmeditation gesammelten Energie, während Regungen des Geistes den größten Teil verzehren. Selbst wenn wir es schaffen, den ganzen Tag still zu sein, so erreichen wir doch nicht, dass der Geist ohne Anhänglichkeit ist; bestenfalls öffnen wir damit einen Teil der Energiekanäle. Findet keine Umwandlung statt, werden die geöffneten Energiekanäle wieder verschlossen. Und so kreisen wir ständig in diesem Prozess.

Aus meiner eigenen Erfahrung von Kultivierung und Verwirklichung habe ich festgestellt, dass der Zentralkanal, der linke Kanal und der rechte Kanal, von denen der esoterische Buddhismus spricht, anfangs nicht vollständig zu sehen sind. Sie sind von Blut erfüllt, von den hundert Kanälen umwunden und mit den Organen verflochten; die Energiekanäle sind sehr verschmutzt. Wenn die Arbeit der Kultivierung und Verwirklichung eine gewisse Stufe erreicht, beginnen sich die Energiekanäle zu reinigen; erst dann erhalten sie eine gewisse Gestalt und sind mitunter durchgängig. Übt man weiter, beginnen sich die Energiekanäle mit Licht zu füllen (sobald wir genügend Energie gesammelt haben, wandelt sie sich in Licht um). Erst dann treten der linke, der mittlere und der rechte Kanal vollständig hervor, genau wie es in den Büchern beschrieben wird: Der Zentralkanal strahlt blaurotes Licht aus. Da alle unsere Organe an den Kanälen entlang entstehen, ist es richtig, dass sich die Organe nach dem Öffnen der Energiekanäle leicht verschieben; doch ist die Verschiebung zu subtil, um von außen überhaupt wahrgenommen zu werden. Die hauptsächlichen Verflechtungen der hundert Kanäle mit den drei Hauptkanälen sind die Chakren; diese Chakren öffnen sich im Zuge der Umwandlung der Energiekanäle in unterschiedlichem Maße. Mit jedem geöffneten Chakra treten andere übernatürliche Kräfte in Erscheinung. Den meisten Menschen fällt es schwer, sie vollständig zu öffnen; selbst wer gut praktiziert, öffnet mitunter nur einen Teil der Chakren.

Die Energiekanäle in unserem Körper sind so zahlreich wie die Flüsse der Erde und lassen sich nicht zählen. Wenn die Energiekanäle vollständig geöffnet und umgewandelt sind, wird zugleich jede einzelne unserer Zellen in Licht verwandelt – das liegt bereits jenseits des Bereichs der fünf Augen und der sechs übernatürlichen Kräfte; dann kann man sich verdichten und Gestalt annehmen oder sich auflösen und zu Qi werden.

Geist und Körper sind voneinander abhängig. Gewöhnliche Menschen können nur über die Umwandlung von Geist und Bewusstsein beginnen, um darüber hinaus die Umwandlung des Körpers zu erreichen. Wenn jedoch äußere Kräfte zu Hilfe kommen, kann bisweilen über die Umwandlung des Körpers umgekehrt die Umwandlung von Geist und Bewusstsein beeinflusst werden. Mein Prozess der Kultivierung und Verwirklichung gehört zum letzteren Weg. In dieser Zeit kamen in meiner meditativen Versenkung oder im Traum oft kleine Tiere zu Besuch oder baten mich um Hilfe – meist, um einer drohenden Katastrophe zu entgehen, oder sie baten mich, ihnen bei ihrer Erlösung zu helfen; besonders häufig waren Schlangen und Füchse. Sie brachten oft Ginseng, Lingzhi oder Kostbarkeiten als Gegengabe für mich mit. Und in der Versenkung aß ich diese Dinge auch, um meine Energie zu vermehren. Einmal kam eine kurze, dicke schwarze Schlange, um eine Kostbarkeit darzubringen; man sah, wie sie eine dunkelgrüne Perle ausspuckte. Ich hielt sie für eine Schlangenperle – wenn ich sie an mich nähme, würde die Schlange sterben. In diesem Augenblick erklang eine Stimme: „Schnell, fang sie auf und iss sie!“ Ich tat, wie mir geheißen. Plötzlich erschienen vor mir über zehntausend Schlangen, und auch Schildkröten; sie schienen alle sehr erregt, jubelten und sprangen vor Freude. Der Schlangenkönig sagte, sie lebten seit mehreren hundert Jahren in einem Sumpfgebiet, mehrere hundert Kilometer von mir entfernt, doch nun stehe ihnen eine Katastrophe bevor; die gesamte Familie solle vollständig vernichtet werden, und er flehte mich an, sie zu retten …

Nach diesem Vorfall sagte mir der Meister, dass ich künftig alles annehmen solle, was diese Tiere mir darbringen. Nähme man es nicht an, könne man keine karmische Verbindung zu ihnen knüpfen und sie auch nicht erlösen. Außerdem benötigt mein Prozess der Kultivierung und Verwirklichung zu viel Energie, als dass ich sie in kurzer Zeit durch eigene Sitzmeditation ansammeln könnte. Was sie darbringen, trägt über hundert oder gar tausend Jahre angesammelte Energie in sich; isst du es, kannst du sie unmittelbar in dich aufnehmen. Es hat nur einige Nachteile: Wenn sich diese Energie direkt in meinem Körper ansammelt, kann sie sich für kurze Zeit nicht mit mir zu einer Einheit verbinden, und manche Giftstoffe müssen ausgeschieden werden, was Unwohlsein mit sich bringt. Ist die Energie zu groß, können die eigenen Energiekanäle sie mitunter nicht rechtzeitig umwandeln, und es wird einem beklemmend und sehr unwohl zumute, ja sogar abwechselnd kalt und heiß, unruhig und aufgebracht. Der Meister brachte mir einige einfache Methoden bei, um die Energie auszugleichen und freizusetzen …

Ich habe noch gar nicht meine Schutzgottheit erwähnt – den Löwenkönig. Ich mochte ihn sehr; mein Meister hatte ihn mitgebracht. Mehr als drei Jahre lang wich er mir nicht von der Seite. Wenn ich nachts schlief, lag er still neben meinem Bett. Sein ganzes Fell war weiß; die Haare waren so hart, dass jedes einzelne wie eine Stahlnadel wirkte, und er war über zwei Meter lang. Wenn ich Sitzmeditation übte, patrouillierte er in meiner Nähe auf und ab. Einmal, während ich in meditativer Versenkung saß, riss mir plötzlich ein blitzschneller Geist die Gebetskette vor meinem Sitz weg. Noch bevor ich reagieren konnte, hatte der Löwenkönig ihn eingeholt und ihn mit einem Biss in der Mitte in zwei Stücke zerteilt. Ich war wie versteinert und machte dem Löwenkönig innerlich Vorwürfe, dass ihm jegliches Mitgefühl fehlte – es war doch nur eine Gebetskette, warum musste er ihn nur so grausam zerbeißen? Doch der Löwenkönig tat unbeirrt, was ihm gefiel, und schenkte meinen Ermahnungen keinerlei Beachtung. Einmal, mitten im Schlaf, senkte der Löwenkönig plötzlich seinen gewaltigen Kopf vor mich herab und starrte mich mit Augen an, die so groß wie kupferne Glocken waren. Dieses Gesicht war wahrhaftig das furchterregendste auf der ganzen Welt. Vor Schreck wagte ich kaum zu atmen, doch er wollte seinen Kopf einfach nicht von vor meinem Gesicht entfernen. Insgeheim wusste ich zwar, dass er nichts Böses im Sinn hatte, aber ich war zu verängstigt und rief schweigend meinen Meister, der mich aus der Klemme befreite … Von da an tat der Löwenkönig so etwas nie wieder und wurde sehr sanftmütig. Manchmal strich ich mit der Hand über seinen Rücken; nachts, wenn ich im Bett lag, legte ich gewohnheitsmäßig meine Hand auf seinen Rücken, denn obwohl er neben meinem Bett lag, ragte sein Rücken doch ein Stück über das Bett hinaus. Gegenüber den kleinen Tieren, die mich aufsuchten, war er sehr freundlich; wenn ich zu tun hatte, sorgte er dafür, dass sie sich still in eine Ecke setzten und auf mich warteten. Nach drei Jahren wurde meine Schutzgottheit durch Bodhisattva Skanda ersetzt, und der Löwenkönig verließ mich. Bodhisattva Skanda behütete mich anders als der Löwenkönig: Ich konnte ihn nicht jederzeit sehen, doch in meditativer Versenkung oder wenn mich im Alltag plötzlich Furcht überkam, erschien er unvermittelt vor mir, und im selben Augenblick fürchtete ich mich vor nichts mehr. Einmal nahm ich während der meditativen Versenkung eine Elixierpille ein, die mir ein großer Unsterblicher geschenkt hatte, woraufhin mein ganzer Körper zu leuchten begann. In diesem Moment erschien Skanda plötzlich neben mir, betrachtete mich aufmerksam und fragte: „Warum strahlt dein Kopf blaues Licht aus?“ Ich antwortete lächelnd, dass es von der Elixierpille komme, die ich eingenommen hatte. Skanda sagte ernst: „Wenn du künftig wieder eine Pille einnimmst, gib mir Bescheid – ich dachte schon, es sei etwas passiert.“

Der Meister hatte über achtzig Schüler, die stets um ihn waren. Der junge Mönch, der mich zum ersten Mal zum Meister gebracht hatte, war der älteste Schüler. Er und der zweitälteste Schüler kamen oft, mich zu besuchen. Sie traten in der Gestalt gewöhnlicher Mönche auf, nannten mich kleine Mitschülerin und brachten mir Leckereien mit.

Die Klinik meines Bruders war damals schon seit drei oder vier Jahren geöffnet, doch seit ich mit meiner Kultivierung und Verwirklichung begonnen hatte, begleitete er mich oft nach draußen, sodass die Klinik häufig geschlossen blieb. Er stand der Klinik etwas gleichgültig gegenüber. Er sagte, ich könne Krankheiten so genau diagnostizieren, während er beim Pulsfühlen niemals so präzise wie ich werden könne; er glaubte, er könne kein guter Arzt werden, und das wäre den Patienten gegenüber unverantwortlich. Er wollte den Arztberuf einfach aufgeben. Aber er war freundlich und verlangte wenig, und die Patienten, die in seine Klinik kamen, litten zumeist nur an Erkältungen und Fieber – sie ließen sich in seiner Klinik eine Spritze geben und Medikamente einnehmen und waren wieder gesund. Deshalb kamen immer mehr Patienten zu ihm. Auch einige Anwohner in der Nähe seiner Klinik trafen sich in ihrer freien Zeit gern bei ihm zum Plaudern und Schachspielen; alle fühlten sich dort wohl. So führte mein Bruder die Klinik nach und nach weiter.

Einmal war meine Mutter sehr schwer krank. Sie lag eine Woche im Bett, und bekam Infusionen, doch ihr Zustand besserte sich nicht im Geringsten. Meine Mutter litt schon, seit ich denken kann, an allerlei Krankheiten: Diabetes, angeborenem Herzfehler, schwerer Nervenschwäche, Darmverklebungen, Magensenkung, Nierenbeckenentzündung und mehr – es gab keinen Tag, an dem sie nicht in Schmerzen lebte. Mein Bruder wusste sich nicht zu helfen, und auch ich war sehr beunruhigt. Schweigend betete ich vor dem Buddha für sie. Vielleicht, weil mein Wunsch, meine Mutter zu retten, so brennend war, wurde ich in jener Nacht mitten im Schlaf aus einem Traum gerissen. Ich sah auf die Uhr: Es war erst kurz nach drei, doch ich war völlig wach und setzte mich zur Sitzmeditation auf. Da erschien plötzlich in meinem Kopf ein silberner Schirm voller weißem Licht, auf dem klar ein Rezept zu erkennen war. Schnell holte ich Papier und Stift und schrieb es ab. Ich hatte das Gefühl, es könne die Krankheit meiner Mutter heilen. Am nächsten Tag zeigte ich es voller Freude meinem Bruder – es war das erste Rezept, das ich je ausgestellt hatte. Mein Bruder sah es sich an und sagte: „Bei einigen Medikamenten liegt die Dosis weit über der üblichen Menge, und auch die Menge an Arsen ist viel zu hoch.“ Sollten wir es unserer Mutter geben oder nicht? Wir sahen uns an und konnten uns nicht entscheiden. Da hörte unsere Mutter, die im Zimmer war, irgendwie unser Gespräch und sagte: „Habt keine Angst, holt mir die Medizin. Ich habe fast mein ganzes Leben lang Medikamente genommen, und die Krankheit ist trotzdem nicht besser geworden. Diesmal probieren wir eben dein Rezept.“ Da fasste mein Bruder den Entschluss und holte die Medizin. Kurz darauf war der Sud zubereitet und wurde unserer Mutter vorgesetzt. Wir warteten voller Unruhe, bis Mutter die Medizin getrunken hatte und sich wieder hinlegte. Bald darauf schlief sie ein; es sah nicht danach aus, als gäbe es Probleme. Mutter schlief sehr tief – vielleicht, weil sie krankheitsbedingt mehrere Tage nicht richtig geschlafen hatte. Als sie aufwachte, war es bereits Mittag. Sie fühlte sich viel besser, stand sofort auf und ging im Zimmer umher. Nachdem sie drei Packungen der Medizin genommen hatte, war sie wieder ganz wie zuvor. So war meine Mutter die Erste, die meine Medizin einnahm.

Meine Mutter hatte sich vorübergehend erholt, und ich war sehr froh. Doch selbst zu jenem Zeitpunkt brachte ich mich nicht mit einem Arzt in Verbindung; was ich in der meditativen Versenkung lernte, hielt ich für etwas völlig anderes als das, was man nach dem Verlassen der Versenkung tut. In dieser Zeit tauschte ich mich auch oft mit Li Shizhen und Meister Huang aus. Da sie sich im Bardo-Körper befanden, stellte ich ihnen zu Hause einige Gedenktafeln auf. Ich sah auch oft, wie sie im Bardo-Körper meditative Versenkung übten. Jedes Mal, wenn Li Shizhen in Sitzmeditation saß, zündete er um seine Sitzunterlage einen Kranz von Kerzen an und stellte vor sich eine gelbe Medizinschale mit goldenem Rand. Einmal, als er mitten in der Sitzmeditation plötzlich wegen einer Angelegenheit hinausging, setzte ich mich heimlich auf seinen Platz, um es selbst auszuprobieren.

Kaum hatte ich die Augen geschlossen, hörte ich das Pochen meines eigenen Herzschlags so stark, dass ich es kaum ertragen konnte; das Geräusch des fließenden Blutes klang wie ein kleiner Bach, und dazu kam das Geräusch der Erdrotation. Obwohl ich diese Geräusche auch sonst in der meditativen Versenkung hören konnte, waren sie nie so laut gewesen. Diesmal fand ich, dass ich durch den Lärm keinen einzigen Augenblick Ruhe fand, und außerdem bekam die Medizinschale vor mir unzählige Risse. Auch die Kerzen neben mir bewegten sich wie vom Wind geblasen, und einige erloschen. Vor Schreck sprang ich hastig von der Sitzunterlage auf und floh.

Li Shizhen erwähnte die Sache danach nicht mehr. Als er in Sitzmeditation saß, sah ich heimlich nach der Medizinschale – sie war noch immer heil und nicht zerbrochen. Ich fragte den Meister, und er sagte, wenn ich im Sitzen den Zustand erreichte, in dem der Atem stillsteht und der Puls aussetzt, würde solch ein Phänomen nicht mehr auftreten. Li Shizhen übte auch das Schwert; in der meditativen Versenkung sah ich ihn oft mit dem Schwert tanzen und Kalligrafie üben. Eines Tages hatte sich Li Shizhen völlig verwandelt: Er trug ein Mönchsgewand, sein Kopf war geschoren, und er hatte sogar die Brandmale der Ordination empfangen. Li Shizhen war Mönch geworden?! Denn sonst trat er stets in der Aufmachung eines Arztes des alten Kaiserhofs auf. Meister Huang sagte: „Meister Li hat seine Übung vollendet.“ Ich wusste nicht, welche Stufe der Verwirklichung damit gemeint war, und kaufte vor Freude Obst, zündete Räucherstäbchen an und stellte Wein als Opfergabe bereit, denn die beiden Meister Huang und Li tranken gern Wein. Nach jenem Tag kehrte Li Shizhen wieder zur Erscheinung eines Arztes zurück, doch ich fand, dass seine Art zu sprechen gelassener und großherziger geworden war und er von Tag zu Tag würdevoller und erhabener wirkte; zwischen seinen Augenbrauen strahlte oft rotes Licht.

Später kamen noch einige weitere Meister – allesamt berühmte Ärzte der Antike. Unter den mir nicht vertrauten waren ein Medizinkönig aus Tibet und ein Arzt aus Japan. Sobald einer eintraf, stellte ich eine Gedenktafel für ihn auf und brachte ihm Opfer dar; sie alle waren Bardo-Wesen. In der meditativen Versenkung sah ich sie oft beisammen, um über ein Rezept zu beraten oder über Fragen der Praxis zu sprechen; häufig zogen sie auch in die Berge, um Heilpflanzen zu sammeln. Ihr Tun konnte ich jedoch nie ganz verstehen. Seit meiner Mutter damals ein Rezept verschrieben worden war, wurde ich in meiner eigenen Familie bekannt. Wenn jemand aus der Familie sich unwohl fühlte, wandte man sich nicht mehr an meinen Bruder, sondern an mich.

Anfangs musste ich, wenn ich für sie ein Rezept ausstellen sollte, tagsüber die Krankheit diagnostizieren und konnte erst mitten in der Nacht – genau wie beim ersten Mal – im Kopf ein Rezept hervorbringen. Mit der Zeit kamen auch meine Freunde und Verwandten aus meinem Umfeld, um sich von mir behandeln zu lassen. Nach und nach war es so weit, dass mir nach abgeschlossener Diagnose der Krankheitszustand des Patienten ins Gehirn eingespeist wurde und das passende Heilrezept von selbst aus meiner Feder floss. Als ich zu schreiben begann, unterliefen mir bei manchen Arzneinamen noch Schreibfehler. Je weiter sich mein Ruf verbreitete, desto mehr geriet ich, ohne es zu bemerken, in die Umklammerung der Kranken – und begann meinen Lebensweg, auf dem ich als Arzt Krankheiten behandelte und Menschenleben rettete.

Als Meister Li Shizhen mir die Zusammensetzung von Arzneien erklärte, sagte er einmal: In der Antike gab es viele natürlich gewachsene Heilpflanzen, doch die heutigen chinesischen Arzneipflanzen werden fast alle künstlich angebaut und sind von minderer Qualität. Zudem werden Ernte und Aufbereitung nicht sorgfältig durchgeführt, und der Feuchtigkeitsgrad der Arzneien entspricht nicht den Vorschriften, während die Krankheiten der modernen Menschen immer komplexer werden. Deshalb solle ich beim Ausstellen von Rezepten viele Arzneien in deutlich höheren Dosen verwenden, als die im „Bencao Gangmu” verzeichneten üblichen Dosierungen der chinesischen Arzneipflanzen, und häufig auch kalte Arzneien und kostbare Heilmittel einsetzen. Er sagte: In der Antike war der Austausch von Arzneien zwischen Nord und Süd wegen der schwierigen Verkehrswege sehr mühsam, und manche kostbaren Heilmittel gab es nur im Kaiserpalast; das einfache Volk konnte sie weder sehen noch sich leisten. Deshalb enthalten die überlieferten Rezepturen der berühmten Volksärzte aus jener Zeit zumeist preiswerte und allgemein verbreitete Arzneien. Heute aber ist die Auswahl an chinesischen Arzneien sehr vollständig; solange ein Rezept sie enthält, kann sie ein gewöhnlicher Patient kaufen. Meine Rezepte stellte ich nicht dadurch zusammen, dass ich auswendig gelernte Rezepturen abwandelte. Deshalb unterscheidet sich meine Medikation deutlich von der üblicher chinesischer Ärzte, und ich verwende oft auch giftige Arzneien. Das bereitete den Patienten einige Schwierigkeiten. Zwar behandelte ich sie damals unentgeltlich, aber ich musste mir große Mühe geben, denn wenn die Patienten mit meinem Rezept ins Krankenhaus oder in andere Apotheken gingen, konnten sie die Arzneien nicht vollständig bekommen, und für die giftigen Arzneien brauchten sie überdies eine Bescheinigung, sodass das Einlösen der Rezepte sehr unbequem war. Außerdem gab es manche Kliniken, die ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden; die Qualität ihrer Arzneien war zu schlecht, und bei manchen kostbaren Heilmitteln handelte es sich sogar um Fälschungen, was mir ebenfalls große Sorgen bereitete …

In dieser Situation investierte mein Bruder erneut und kaufte für seine Klinik die fast tausend Arzneimittel ein, die ich häufig verwendete. Um die Anschaffung zu vervollständigen, musste er in andere Provinzen reisen, um die dortigen Arzneimittelunternehmen zu besichtigen und zu prüfen – das war sehr anstrengend.

Dadurch konnten die Patienten ihre Medikamente viel bequemer erhalten, und ich konnte bei der Behandlung beruhigt sein. Außerdem besaß ich damals keine Approbation und durfte daher in keiner Klinik praktizieren. Die Patienten, die zu mir kamen, waren Verwandte, die Freunde mitbrachten, und Freunde, die wiederum Verwandte mitbrachten; ich konnte sie nur zu Hause behandeln und habe dafür nie ein Honorar verlangt. Kamen Freunde aus der Ferne, so aßen und übernachteten sie ebenfalls in meinem Haus. So blieb mir täglich noch weniger Zeit für die Sitzmeditation.

Ich meldete mich zur Erwachsenen-Selbststudienprüfung für das Fach der Traditionellen Chinesischen Medizin an und erlangte anschließend erfolgreich die Approbation als Arzt. Bevor ich die Approbation erhielt, hatte ich bereits mehrere tausend Patienten unentgeltlich behandelt, und die Krankengeschichten füllten mehrere große Kisten. Während meiner ärztlichen Tätigkeit fragte ich Li Shizhen, ob ich für einige Jahre zur Weiterbildung an eine medizinische Hochschule gehen sollte. Er sagte: „Auf keinen Fall, auf keinen Fall solltest du dir diese dogmatischen, starren Denkweisen in den Kopf setzen. Du bist jetzt wie ein unbeschriebenes Blatt. Was wir dir erklären, nimmst du nur auf und hältst nicht mit eigenen Ansichten gegen uns an. So fällt es uns leichter, dich zu unterrichten.“ Damit gab ich den Gedanken auf, an der Hochschule für Chinesische Medizin zu studieren, und zugleich schmerzte mich der Niedergang der Traditionellen Chinesischen Medizin unseres Landes.

In meinen mehr als zehn Jahren klinischer Erfahrung teile ich Krankheiten im Allgemeinen in vier Arten ein:

  1. Krankheiten, die durch die Disharmonie der vier großen Elemente verursacht werden, also Krankheiten, die durch Wind, Sommerhitze, Feuchtigkeit und Trockenheit der Natur sowie durch die Gemütsbewegungen des Menschen ausgelöst werden. Diese Art von Krankheiten lässt sich im Allgemeinen sowohl mit chinesischer als auch mit westlicher Medizin behandeln;
  1. Krankheiten aus Ursache und Wirkung: Sie entstehen dadurch, dass eine Erfahrung, die das Lebewesen in einem früheren Leben gemacht hat, einen so tiefen Eindruck in seinem Gedächtnis hinterlassen hat, dass nach der Wiedergeburt die Energiekanäle an einer bestimmten Stelle des gegenwärtigen Lebens von Natur aus anders sind als bei anderen Menschen. Sobald die Widerstandskraft des Körpers nachlässt oder eine bestimmte karmische Bedingung reif wird, bricht die Krankheit plötzlich aus. Bei dieser Art von Krankheiten kann die westliche Medizin im Allgemeinen keine Ursache finden, und es kommt häufig zu Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen. So gab es etwa einen Menschen, der in einem früheren Leben ein Löwe war und einen Esel gefressen hatte, der an einer ansteckenden Krankheit gestorben war; auch er wurde mit dieser Krankheit angesteckt und starb daran, und als er starb, verlor er sein Fell. In diesem Leben erkrankte er mit Anfang vierzig plötzlich an einer Hautkrankheit, deren Verlauf dem seines Todes im früheren Leben glich: Binnen kurzer Zeit bedeckte sich sein ganzer Körper mit großen, ausgedehnten Schuppenflechteherden, die unerträglich juckten; viele Hausmittel, die er einnahm, halfen nicht. Eines Tages aß er zufällig eine Schale Eselsfleisch, und innerhalb weniger Tage war die Hautkrankheit beinahe vollständig geheilt. Dies ist eine Krankheit aus Ursache und Wirkung, doch die Genesung in diesem Fall war eher ungewöhnlich.

Es gab noch einen weiteren Patienten, der in einem früheren Leben von Japanern gefangen und den Mücken zum Fraß vorgeworfen worden war; in diesem Leben wurde er wieder als Mensch geboren, und in seinen Energiekanälen steckt von Geburt an Mückengift. Ab seinem 30. Lebensjahr bildeten sich am ganzen Körper und im Gesicht kleine Bläschen; sobald man daran kratzte, wurden sie hart, brachen auf und juckten stark. Ein weiterer Patient war in einem früheren Leben ein Fisch gewesen, der in einem Stück Drahtgeflecht steckengeblieben und gestorben war. Nach seiner Wiedergeburt in diesem Leben blieb die Erinnerung an jene Krankheit in seinen Energiekanälen zurück. Eines Tages verspürte er plötzlich heftige Schmerzen in der Taille und im Beckenbereich. Im Krankenhaus zeigten Ultraschall und CT keine Auffälligkeiten, und man behandelte ihn lediglich als Nerven- oder Rheumaerkrankung. In Wahrheit ist auch dies eine Art von Krankheit aus Ursache und Wirkung.

  1. Eindringen äußerer Schadenerreger. In der Natur sterben in jeder Sekunde kleine Lebewesen; nach ihrem Tod existieren sie im Raum in Form von Biowellen, nehmen aber keinen Raum ein. Durch die massenhafte Verwendung moderner Geräte wie Handys und Computer sowie durch Luftverschmutzung und das Klima wird ihr Lebensraum in gewissem Maße gestört. Wenn daher bei einem Menschen nur ein einziges inneres Organ ein geringes Ungleichgewicht von Yin und Yang aufweist und die Schwingungsfrequenz der Biowellenlänge seines Körpers mit der ihrigen übereinstimmt, können sie sich ungeachtet der Entfernung von tausend oder zehntausend Li im Nu am menschlichen Körper anheften. Mit der Zeit richten sie an den inneren Organen erheblichen Schaden an. Zum Beispiel gab es zwei Patienten, bei denen sich jeweils ein Blutegel angeheftet hatte. Bei dem einen haftete er an der Leber und verursachte eine hämolytische Anämie; das Krankenhaus konnte die Krankheitsursache lange Zeit nicht ausfindig machen. Bei dem zweiten haftete er an der Milz; die Energiekanäle des mittleren Erwärmers waren blockiert, sodass der Patient nicht essen konnte. Sein Unterleib schwoll an, und seine Milz begann ebenfalls zu vergrößern und litt unter Blutmangel. Das Krankenhaus entfernte ihm die Milz, doch die Krankheit heilte nicht, denn jener Blutegel blieb weiterhin in den Energiekanälen seiner Milz zurück. Bei solchen Fällen, in denen sich äußere Schadenerreger angeheftet haben, müssen diese unbedingt aus den Energiekanälen ausgetrieben werden; erst dann kann der Patient vollständig genesen.
  1. Besessenheit durch äußere Dämonen. Dabei handelt es sich um Dämonen, Unholde, Geisterwesen und Scheusale aus dem Kosmos, die von einem Menschen Besitz ergreifen; auch dies geschieht stets aus einer bestimmten karmischen Verbundenheit mit dem Kranken. Bei den meisten dieser Kranken weicht die Erscheinung auffallend von der normaler Menschen ab: Sie weinen und lachen zugleich; in schweren Fällen verliert der Kranke den Verstand und redet wirres Zeug. Das rührt daher, dass diese äußeren Dämonen bereits die Kontrolle über ihr Nervensystem übernommen haben (es gibt außerdem Schizophreniekranke, die dieselben Symptome zeigen, aber aus anderer Ursache; nicht jeder Nervenkranke gehört daher zu dieser Kategorie). Wenn man diese Krankheit richtig erkennt, ist sie in Wahrheit am leichtesten zu heilen. Sobald die äußeren Dämonen weichen, ist der Kranke genesen. Ist die Erkrankung von kurzer Dauer und das Nervensystem nicht geschädigt, braucht man nicht einmal Medikamente. Doch die Besetzer zum Weichen zu bringen ist nicht ganz leicht. Man muss einige der Verwicklungen aus vergangenen und gegenwärtigen Leben zwischen ihnen lösen, ihnen helfen, alte Zwistigkeiten und Groll aufzulösen, und nötigenfalls muss der Arzt ihnen auch helfen, Schulden mit ihrem eigenen glückbringenden Verdienst und ihrer Verdienstkraft zu begleichen, damit er fähig ist, sie zu retten und emporzuführen. So kam etwa eine Patientin hüpfend und singend in die Praxis und redete wirr durcheinander. Ihre Angehörigen sagten, das sei seit über zwanzig Jahren so. Diese Patientin gehörte zum Fall der Besessenheit durch äußere Dämonen. Während der Diagnose sprach ich mit ihrem Besetzer, legte ihm die Gründe dar, gewährte ihm eine gewisse Entschädigung und löste so die karmische Verbindung zwischen ihm und der Patientin auf – da wich der äußere Dämon. Ich verordnete der Patientin vier Kuren Arznei, um ihre Nerven und ihr Gemüt zu regulieren; nach Einnahme der Arznei war sie geheilt, und bis heute, Jahre später, ist es nicht wieder aufgetreten. Ein weiterer Patient gehörte ebenfalls zu dieser Kategorie; doch da sein Körper vor der Erkrankung sehr geschwächt war, war sein Nervensystem, nachdem der Besetzer gegangen war, schwer geschädigt; dazu kamen Schlaflosigkeit, sehr hoher Blutdruck und eine geringe Ansammlung von Wasser in den Hirnkammern. Erst nachdem er sich mehr als ein halbes Jahr lang regulierend hatte behandeln lassen, erholte er sich im Wesentlichen. Je früher diese Art von Krankheit nach ihrem Ausbruch regulierend behandelt wird, desto weniger Folgeerscheinungen bleiben dem Kranken zurück.

Abgesehen von diesen vier häufigen Krankheitsursachen gibt es noch eine weitere Art von großen Naturseuchen; manche Seuchen stammen tatsächlich aus einer anderen Dimensionsebene. So gab es etwa eine große Python, die praktizierte, indem sie unzählige Gifte verschlang; sie praktizierte seit über zehntausend Jahren. Weil das von den Menschen gemeinsam heraufbeschworene Karma – das gemeinsame Karma der Menschen entsteht aus dem Töten von Lebewesen und aus der Zunahme von Gier, Hass, Verblendung, Stolz und Zweifel – ihre Übungsumgebung zerstörte, verschmutzte sie während ihrer Wanderung versehentlich unsere Dimensionsebene. Überall, wo sie hinkam, wurden Pflanzen und Bäume vernichtet, und über Teilen der Erde erschien ein Feld aus rotem Giftnebel. Diese Gifte dringen in die Energiebahnen unseres Atmungssystems ein und erzeugen bei verschiedenen Patienten unterschiedliche mutierte Bakterienstämme; in schweren Fällen zerfressen sie, noch bevor Bakterien entstehen können, direkt die Energiebahnen der Lunge und schädigen dadurch unsere Lungenfunktion. Die moderne Medizin kann nur den bereits ausgebrochenen Krankheitszustand eines Patienten feststellen; die tieferen Auslöser für das Auftreten der Krankheit in der Bevölkerung vermag sie nicht zu erkennen. Ebenso wurde durch unser gemeinsam heraufbeschworenes Karma die Lebensumgebung der Skorpione in einer anderen Dimensionsebene zerstört; sie erschienen plötzlich in großer Zahl an einem Ort und lösten eine Seuche aus, bei der große Mengen Geflügel vergiftet wurden. Deshalb ist die Reinigung des kosmischen Feldes ein Bedürfnis der drei Welten. Für den Menschen gilt: Wer weniger Tötungskarma schafft und mehr gute Gedanken hegt, trägt bereits sehr viel zur Reinigung des Kosmos bei.

Eigentlich sind nach dem Buddha-Dharma alle Krankheiten Erscheinungen unseres Karmas, denn unser Körper ist von Natur aus ein Karma-Vergeltungskörper. Doch in der Saha-Welt wird die Erscheinung des Karmas durch unterschiedliche Ursachen und Bedingungen ausgelöst, wodurch erst die Karmasamen zur Reife gelangen. Auch meine Einteilung der Krankheiten dient bei der Bestimmung der Behandlung lediglich dazu, die unterschiedlichen Ursachen und Bedingungen des Ausbruchs zu berücksichtigen.

Die oben genannten Krankheitsarten können mitunter zugleich bei einem Patienten auftreten und ein Syndrom aus mehreren Krankheiten bilden. In den letzten beiden Jahren ist die Zahl der Patienten mit solchen Syndromen sprunghaft gestiegen, vor allem bei Menschen mittleren und höheren Alters über vierzig.

Beim Diagnostizieren von Krankheiten verbrauche ich viel Energie. Am Anfang untersuchte ich jeden Vormittag zehn Patienten und musste nachmittags etwa acht Stunden Sitzmeditation üben, um meine Energie wieder aufzufüllen. Später, mit wachsender Kraft der meditativen Versenkung, genügten täglich zwei Stunden, doch der Verlust an Herzenergie war beträchtlich; manchmal war ich so erschöpft, dass mein Herz zitterte, und ich verlor auch viele Haare. Doch der gesamte Prozess der Praxis ist von Natur aus ein Prozess der Selbstaufgabe und des selbstlosen Gebens. Um gute karmische Verbindungen zu knüpfen und mein Verdienst zur Vollendung zu bringen, machte ich mir darüber keine Gedanken. Am meisten betrübte mich jedoch das Missverständnis der Patienten: Manche Patienten waren gar nicht krank, sondern kamen zur Untersuchung, um mich zu prüfen oder aus Spaß. Als ich meine Sprechstunde gerade aufgenommen hatte, geschah so etwas täglich; und ich bemühte mich, jeden Patienten sorgfältig am ganzen Körper zu untersuchen – und zwar kostenlos. Was mich tröstete, war, dass all diese Patienten zufrieden gingen und sich entschuldigten. Außerdem wollten fast 80 Prozent der Patienten mir bei der Diagnose ihre Beschwerden nicht nennen. So kam es, dass jemand, der eigentlich Beinschmerzen hatte, kein Wort darüber verlor; ich musste ihn dann von innen nach außen und von oben bis unten vollständig untersuchen, bis ich schließlich die Ursache an seinem Bein fand. Viele Patienten legten das Hauptaugenmerk auf meine Diagnosemethode und hielten sie für etwas Besonderes; ich jedoch bin der Ansicht, dass meine Behandlung wichtiger ist. Die einzigartige Zusammensetzung chinesischer Heilkräuter, die ich von meinem Meister gelernt habe, wird gewiss jedem Patienten, mit dem mich eine karmische Verbindung eint, zugutekommen.

Eigentlich ist die Gemütsverfassung der Patienten verständlich, und ich möchte hier niemanden einen Vorwurf machen – aber wenn ich zu erschöpft bin, denke ich daran, nicht mehr als Ärztin arbeiten zu wollen. In solchen Momenten tröstete und ermutigte mich mein Meister: „Hab keine Angst, dass die Patienten dich nicht verstehen oder dir nicht vertrauen – es liegt daran, dass dein eigenes Verdienst noch nicht vollkommen ist, und außerdem sind Gier, Hass, Verblendung, Stolz und Zweifel der Wesen ohnehin schwerwiegend. Da du dich entschlossen hast, den Weg des Bodhisattva zu gehen, solltest du jedes Lebewesen wie deinen eigenen Angehörigen behandeln: Sie werden von den Qualen der Krankheit geplagt, und da du die Heilkunst verstehst, kannst du nicht tatenlos zusehen. Und tatsächlich gibt es Menschen, die mit der Ausübung der Medizin betrügen; die Patienten haben Angst, betrogen zu werden. Überlass du alles dem Wirken der Umstände – die Patienten, die mit dir verbunden sind, werden dir von selbst vertrauen und unter deiner Behandlung genesen.“

Während meiner ärztlichen Tätigkeit bemühte ich mich dennoch, mir nach Möglichkeit Zeit für Sitzmeditation und meditative Versenkung zu nehmen, und las auch buddhistische Sutras. Das einzige Sutra, das mir mein Meister zum Lesen empfahl, war das Vimalakirti-Sutra. In dieser Zeit half ich mir in der Sitzmeditation manchmal auch mit Mantra-Rezitation und Mudras des esoterischen Buddhismus, um die Chakren zu öffnen. Oft kamen mir in der meditativen Versenkung Methoden der Kultivierung und Verwirklichung in den Sinn, die ich dann für meine eigene Übung aufgriff. Mein Meister kümmerte sich nicht sonderlich darum, welches Dharma-Tor ich übte; er sagte nur: „Kein Dharma-Tor ist richtig oder falsch, gut oder schlecht – es genügt, dass die Sichtweise stimmt.“ In der meditativen Versenkung lernte ich außerdem von einer Meisterin das Dharma-Tor der Heiligen Mutter vom Bashan und von Yuanshi Tianzun die Höchste weibliche Alchemie-Praxis.

Der Meister teilte mir mit, dass die dritte Pilgerreise zu einem heiligen Berg führen würde – zum Berg Emei, der heiligen Stätte des Bodhisattva Samantabhadra. Diesmal begleitete mich mein jüngerer Bruder. Obwohl es in der Familie einige Einwände gab, war der Widerstand nicht heftig. Der Meister sagte, dies sei der Verdienst dafür, dass ich geduldige Nachsicht geübt habe. Ich blieb einen halben Monat auf dem Berg Emei. Wir übernachteten in den Tempeln entlang des Weges, schlenderten dahin und genossen die Landschaft, traten in jeden Tempel ein, an dem wir vorbeikamen, und sobald es dunkel wurde, kehrten wir im nächstgelegenen Tempel ein. Was mir am Berg Emei am tiefsten im Gedächtnis blieb, war, dass das vegetarische Essen in den dortigen Tempeln köstlich war und die Landschaft wunderschön. Auf dem Goldenen Gipfel begegnete ich dem Bodhisattva Samantabhadra. Auch sie war gerade aus der Ferne zurückgekehrt; als sie mich sah, sprang sie vom Rücken ihres weißen Elefanten herab. Sie erschien als junges Mädchen und hatte sich mit bunten Bändern viele kleine Zöpfchen gebunden. Sie war sehr herzlich, ihr Lachen klang hell und unbeschwert; wir tranken Tee und plauderten zusammen, und beim Abschied schenkte sie mir noch viele Sutras und Geschenke.

Nicht lange nach meiner Rückkehr vom Berg Emei erhielt ich erneut eine Nachricht vom Meister, diesmal zur Pilgerfahrt zur heiligen Stätte des Bodhisattva Ksitigarbha – zum Berg Jiuhua. Wir suchten uns wieder Tempel zum Übernachten, doch auf dem Gipfel des Bergs Jiuhua ereignete sich etwas Unerfreuliches. Ich hatte damals sehr gehofft, im Tempel auf dem Gipfel des Bergs Jiuhua übernachten zu können; mein Bruder ging zur Gästehalle des Tempels, um dort um eine Unterkunft zu bitten. Der Mönch der Gästehalle war gerade aus irgendeinem Grund verärgert und wies ihn wütend ab. Als mein Bruder noch einmal bitten wollte, wurde der Mönch nur noch zorniger, schrie ihn schließlich an und wollte ihn hinauswerfen. Ich stand damals an der Tür der Gästehalle und war tief betrübt; ich fragte mich, wie ein Ordensmensch nur so sein konnte – ganz zu schweigen von Mitgefühl und geschickten Mitteln, nicht einmal grundlegende Höflichkeit besaß er.

Wir kehrten daraufhin vom Gipfel zurück und wohnten in einem abgelegenen Kloster nicht weit vom Gipfel entfernt. Nachts stieg ich in meditativer Versenkung auf den Goldenen Gipfel, und Bodhisattva Ksitigarbha trat hervor. Er erschien in männlicher Gestalt, war sehr groß, von würdevoller Erscheinung, hielt in der Hand einen Mönchsstab und hatte eine königliche Ausstrahlung. Ich erwähnte das Geschehen am Tag und sagte: „Wie können deine Schüler nur so sein?“ Der Bodhisattva war damit nicht einverstanden und entgegnete: „Wie sein? Meine Schüler sind eben so. Warum bestehst du darauf, oben auf dem Gipfel zu wohnen?“ Ich sagte, ich habe das Gefühl, das Energiefeld dort sei gut, ich wolle nachts Sitzmeditation üben. Der Bodhisattva sagte: „Wenn du in dieser Sache keine Unterscheidungen machst und nicht zornig wirst, dann hast du bereits die ganze Nacht oben auf dem Gipfel gesessen.“ Als ich das hörte, war mir, als erwache ich aus einem Traum, und ich schämte mich zutiefst. Wann war ich nur so sehr den Erscheinungen verhaftet geworden? Danach sah ich Bodhisattva Ksitigarbha in meditativer Versenkung noch einige Male wieder; er zeigte sich in verschiedenen Gestalten, aber keine war so ernst wie an jenem Tag, als er harsch und unfreundlich sprach; er war überaus freundlich und sanft.

Nachdem ich die Pilgerreise zu den vier großen heiligen Stätten des Buddhismus abgeschlossen hatte, praktizierte ich noch etwa zwei Jahre lang zu Hause und war als Arzt tätig. Manchmal fuhr ich für kurze Zeit zu einem Retreat auf den Berg Wutai. Während eines solchen Retreats aß ich manchmal nichts, manchmal nur eine Mahlzeit am Tag. Die ganze Zeit nutzte ich zur Sitzmeditation oder zum Lesen; eigentlich war es gar kein richtiges Retreat, sondern ich zog mich nur für kurze Zeit von den Ablenkungen des weltlichen Alltags und den sieben Gefühlen und sechs Begierden zurück, um ein paar Tage in stiller Kultivierung und Verwirklichung zu verbringen.

Ich erinnere mich, dass ich in einem Winter auf dem Berg Wutai in einer kleinen Pension wohnte. Oft stand ich auf dem Balkon im zweiten Stock und betrachtete die verschneite Landschaft. Jeden Morgen sah ich einen in Lumpen gekleideten Mönch, der auf dem Weg zum Dailuo-Gipfel alle drei Schritte einen Kotau machte. Damals hegte ich eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber Menschen, die hartnäckig asketische Übungen betrieben, und hielt das für ein Suchen des Dharma außerhalb des Geistes. Eines Tages ließ mich der Meister unvermittelt mit jedem Schritt einen Kotau machend zum Dailuo hinaufsteigen. Ich vermutete, der Meister habe wohl erfahren, dass ich gegenüber jenem Mönch einen unterscheidenden Geist aufgebracht hatte, und wolle mich nun bestrafen. Der Dailuo-Gipfel hat 1080 Stufen; in der Nacht zuvor hatte es geschneit, und auf den Stufen lag eine dicke Schneeschicht.

Ich zog wattierte Jacke und wattierte Hose an, setzte ein Paar Handschuhe auf und begann hinaufzusteigen. Der Meister sagte: »Denk an nichts, lass Körper und Geist locker und rezitiere innerlich Namo Bodhisattva Manjushri der großen Weisheit.« Natürlich befolgte ich seine Worte. Normalerweise war ich schon oft den Dailuo-Gipfel hinaufgestiegen, und auf halber Strecke geriet ich stets außer Atem. Diesmal aber fühlte ich mich mit jedem Stück, das ich höher stieg, wohler – so leicht, als hätte ich auf ebenem Boden ein paar Kotaus gemacht. Auf halber Strecke kamen ein paar Touristen an mir vorbei, und ich hörte, wie einer von ihnen sagte: »Wirklich bemitleidenswert, die wattierte Kleidung ist völlig durchgeschwitzt.« Ein anderer sagte: »Wer weiß, wofür sie sich solche Mühe macht!« Als ich das hörte, hätte ich am liebsten aufgestanden und ihnen gesagt: »Es ist gar keine Mühe, mir geht es herrlich.«

Ich spürte, wie die Energie im ganzen Körper wieder erwachte, so wie ein zugefrorener Fluss, der im Tauwetter aufbricht. Am ganzen Körper war es mir warm und behaglich, Körper und Geist waren weit und entspannt, und ich strahlte übers ganze Gesicht. Als ich oben angekommen war, merkte ich, dass mein Atem lang und tief dahinfloss, als wäre ich soeben in eine meditative Versenkung eingetreten, und ich sah, wie in meinen Augen, meinem Mund und meinen Ohren Lotusblüte um Lotusblüte aufblühte.

Von da an empfand ich, wann immer ich Menschen sah, die strenge asketische Übungen praktizierten, stets Anerkennung und freute mich mit ihnen. Ihre Erfahrungen werden wir vielleicht nie verstehen – jedes Dharma-Tor ist das beste, solange es zu dir passt.

Danach reiste ich zusammen mit meinem jüngeren Bruder und einem Freund nach Tibet. Im Potala-Palast traf ich Meister Tsongkhapa, der mir einige Dharma-Tore des tantrischen Buddhismus erläuterte. Als wir an einem Raum vorbeikamen, in dem tantrische Geheimlehren übertragen wurden, fragte ich Meister Tsongkhapa lächelnd: „Gibt es wirklich etwas Geheimes, das man übertragen kann?“ Der Meister sagte: „Es gibt wirklich eine geheime Lehre. Wenn du es nicht glaubst, komm herein und ich übertrage sie dir.“ Ich folgte ihm in den Raum und sah, wie er auf einem Sitz mir gegenüber Platz nahm. Ich stand vor ihm. Plötzlich erschien er mir überaus erhaben. Im selben Augenblick erfasste mich seine Ausstrahlung, und ich war von tiefer Ehrfurcht erfüllt. Aus seinem Mund strömten langsam die Worte: „Frei von Gier – frei von Hass – frei von Verblendung – frei von Stolz – frei von Zweifel.“ Jedes Mal, wenn er zwei Zeichen aussprach, wurde ich schlagartig von Kopf bis Fuß von einem weißen Licht wie von einem Wasserfall durchspült. Als er geendet hatte, war mein Körper und Geist in strahlendem Weiß erleuchtet, mein Geist war still und friedvoll, und mein gesamter Körper und Geist war vollständig gereinigt …

Während einer meditativen Versenkung drang ich tief in den Himalaya vor. Dort erblickte ich zwei kegelförmige Eissäulen, völlig glatt, in der Mitte hohl, mit einer Öffnung oben. Ich wusste, dass sich darin Menschen befanden, und stieg durch die Öffnung oben hinein, um sie zu besuchen. Tatsächlich saß dort ein Praktizierender, der sich sehr freute, mich zu sehen, und mir freundlich einige Fragen stellte. Er erzählte mir, dass in der anderen Eissäule sein älterer Bruder säße; beide praktizierten das tantrische Mahamudra und weilten hier seit über 300 Jahren. Im Inneren war es so kalt, dass der Atem zu Eis gefror, und wir unterhielten uns in großer Übereinstimmung. Damals war ich gerade dabei, mein Herzchakra zu transformieren, und meine Brust schmerzte heftig. Er sah mich an und sagte: „Hüte dich davor, dass das Gift aus den Energiekanälen dein Herz angreift – deine Energie reicht nicht aus.“ Dann ließ er mich die Hände ausstrecken und legte seine Handflächen an die meinen; sogleich schien ein starker Strom aus seinem Körper zu fließen und sich rasch über meinen ganzen Körper auszubreiten.

Das währte etwa eine halbe Stunde, dann zog er plötzlich seine Handflächen zurück und sagte mit schwachem Atem: „Ich habe soeben die gesamte Energie meines Körpers in deine Energiekanäle geleitet. Ich hoffe, du wirst bald zur Vollendung gelangen und das Buddha-Dharma weithin verbreiten.“ Ich war zutiefst bestürzt und wusste zunächst nicht, was ich sagen sollte. Er lächelte erneut: „Es ist nichts. Ich hatte ohnehin vor, in diesen Tagen ins Parinirwana einzugehen, daher nützt mir diese Energie nicht mehr viel. Ich gehe jetzt; sei so gut und richte es drüben meinem älteren Bruder aus.“ Im nächsten Augenblick befand ich mich drüben in der Eissäule und sagte zu dem Mann darin: „Dein jüngerer Bruder wird ins Parinirwana eingehen!“ Sobald der Mann das hörte, erhob er sich in die Lüfte und verschwand aus der Säule. Kurz darauf kehrte er mit leicht schmerzerfüllter Miene zurück. Er blickte mich vorwurfsvoll an und murmelte: „Bevor er ging, hat er nicht einmal Bescheid gesagt.“ Niedergeschlagen erzählte ich ihm, was sich soeben zugetragen hatte. Nachdem er lange nachgesonnen hatte, sagte er: „Sei nicht traurig. Es ist nicht deine Schuld. Wir Brüder sind dir durch karmische Fügung miteinander verbunden; wir sind schon über dreihundert Jahre in der Menschenwelt, und es ist an der Zeit zu gehen. Dass wir dir vor unserem Abschied für deine Praxis noch ein wenig helfen konnten, freut uns sehr.“ Nach diesen Worten sprang er plötzlich empor, stand in der Luft auf dem Kopf und berührte mit seinem Scheitel meinen Scheitel; plötzlich begriff ich seine Absicht und wollte es gerade verhindern, doch es war schon zu spät – mein Kopf schien mit seinem Kopf verschmolzen zu sein, und ich konnte es auf keine Weise aufhalten. Seine Energie ergoss sich mit überwältigender Wucht von seinem Scheitel herab; nach nur wenigen Minuten rollte er sich von meinem Kopf herab, setzte sich in voller Lotos-Haltung und ging ins Parinirwana ein. Ich saß regungslos an seiner Seite, während meine Gedanken auf- und abwogten; als ich mich schließlich beruhigt hatte, rief ich im Stillen meinen Meister. Der Meister erschien vor der Eissäule; er wusste bereits alles, was sich soeben zugetragen hatte, und ließ mich vor der Eissäule einige Kotau-Verbeugungen machen … Auch im Himalaya hatte ich noch einige wundersame Begegnungen, an die ich bis heute mit tiefer Rührung zurückdenke. Sie lassen mich auch oft empfinden, wie wenig ich für andere geopfert habe. In Tibet verbrachte ich gut zwanzig Tage.

Nach meiner Rückkehr aus Tibet waren meine körperlichen Umwandlungen recht heftig; am qualvollsten war das Öffnen und die Umwandlung der Energiekanäle im Hals. Ich lag regungslos im Bett, hatte im ganzen Körper nicht die geringste Kraft, konnte nicht sprechen und nicht essen; selbst beim Trinken war es, als schnitte ein Stahlmesser durch meine Kehle und Speiseröhre. Mit Gesten und schriftlichen Worten versuchte ich meiner Familie zu vermitteln, dass sie sich um mich keine Sorgen machen sollten. Jede Nacht um Mitternacht schwollen die Energiekanäle in meinen beiden Lungenflügeln plötzlich an, als würde mit einer Luftpumpe schlagartig Luft in die Lungen gepresst. Dann musste ich mich sofort hinhocken oder halb kniend auf dem Bett verharren – dieser Schmerz ist kaum in Worte zu fassen. Wäre der Meister nicht ermutigend an meiner Seite gewesen, hätte ich mich wohl vor lauter Qual dem Zusammenbruch nahe gefühlt. Nachdem dieser Zustand etwa zwei Wochen angehalten hatte, verschwanden über Nacht plötzlich alle Symptome. Ich war voller Energie und fühlte mich im ganzen Körper leicht; als ich mich am Morgen wieder aufrecht auf das Sitzkissen im Wohnzimmer setzte, liefen mir vor Rührung die Tränen über das Gesicht – ich konnte endlich wieder in Sitzmeditation praktizieren. Neben dem Gebäude, in dem ich damals wohnte, befand sich ein Kraftwerk, das jeden Morgen ab drei Uhr Abgase aus einem großen Schornstein ausstieß; deshalb war die Luft in meiner Wohnung morgens am schlechtesten. Doch an jenem Tag entdeckte ich während der Sitzmeditation, als die beißenden Gerüche in meine Nasenhöhle drangen, plötzlich, dass sie sich verwandelt hatten: In meiner Kehle wurden sie kühl und leicht süßlich, als hätte ich reinen Sauerstoff eingeatmet. Meine Lunge schien sich in einen Luftreiniger verwandelt zu haben. Aufgeregt teilte ich dem Meister diese Nachricht mit, doch der Meister sagte ungerührt: „Freu dich nicht zu früh. Die Energiekanäle in deiner Kehle sind noch nicht vollständig umgewandelt, die Chakren haben sich erst zu einem Drittel geöffnet. Manche Energiebahnen werden sich wieder verschließen. Das besprechen wir später.“

Die Umwandlung der Energiekanäle im Bereich der Ohren war nicht sehr schmerzhaft. Zuerst wurden das Jadekissen am Hinterkopf taub und schwollen an, und während der Sitzmeditation hörte ich aus meinen Ohren explosionsartige Geräusche und zwitschernde Vogelstimmen; das Gehör beider Ohren ließ nach und wurde stumpf. Manchmal strahlten meine Ohren während der Sitzmeditation kegelförmiges Licht aus, dazu allerlei auf dem Kopf stehende Bilder. Einmal sah ich in meditativer Versenkung, wie der Bodhisattva Manjushri einen kleinen Jungen mitbrachte und sagte, er wolle mir die Ohrwurzel reinigen. Der Junge hielt eine Schale mit Wasser in den Händen; Manjushri war in der Gestalt eines alten Mönchs erschienen und steckte – ich weiß nicht womit – etwas in meine Ohren, um sie zu reinigen. Ich sah nur, wie aus meinen Ohren immer wieder zähe, schmutzige Dinge herausflossen. Das Wasser, das Manjushri benutzte, war das Wasser der acht Tugenden, das gerade erst aus dem Reinen Land des Westens geholt worden war. Da kamen gerade zwei ältere Herren dort vorbei; kurz bevor sie mich erreichten, blieben sie stehen und hielten sich die Nase zu. Sie sagten: „Wie kann es nur so stinken!“ und sahen mich mit angewiderten Blicken an. Als der kleine Junge das hörte, sagte er zu den beiden älteren Herren: „Seid nicht unhöflich.“ Die beiden älteren Herren schwiegen daraufhin, hielten sich nur die Nase zu und standen still daneben, um zuzuschauen. Ich glaube, der Bodhisattva Manjushri wusch ungefähr eine halbe Stunde lang, ehe er ging. Als ich aus der Versenkung trat, fühlte ich mich sofort erfrischt und klar im Kopf, nur schmerzten meine Ohren ein wenig. Ein paar Tage später stand ich am Straßenrand und wartete auf ein Taxi. Plötzlich verwandelte sich der gesamte Lärm auf der Straße in das Rauschen der Meeresbrandung, den ich so liebe. Die Autos, Menschen und Gebäude, die unablässig an mir vorbeizogen, erschienen mir wie eine Fata Morgana – und zusammen mit mir selbst verschmolzen sie zu einem einzigen Gemälde. Ich stand still da, Körper und Geist lösten sich in dem Rauschen der Meeresbrandung auf; ich nahm den Lauf der Zeit nicht mehr wahr und überschritt die Grenzen des Raumes …

Obwohl ich in der meditativen Versenkung alle Dharma-Tore rasch durchlaufen konnte, spürte ich doch, dass sich die Umwandlung der physiologischen Energiekanäle Schritt für Schritt und äußerst langsam vollzog. Bis heute möchte ich die Gesetzmäßigkeit meiner physiologischen Umwandlung kurz festhalten. Als ich mit der Sitzmeditation begann, lernte und spielte ich zunächst nur inmitten allerlei Zuständen. (Ich glaube, dies war allein dem karmischen Wirken meiner früheren Leben und der Hilfe meiner Meister zu verdanken.) Nachdem ich gelernt hatte, was die Meister überliefert hatten, unterschied sich meine Erfahrung nicht mehr von der eines gewöhnlichen Menschen in der Sitzmeditation. Nur trat ich sogleich in die Ebene des Lichts ein; Zustände und Gedanken wurden immer weniger, und die meiste Zeit verweilte ich in einem unerschütterlichen weißen Licht. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich sei selbst zu Licht geworden, und ich konnte auch keinerlei Energiebahnen sehen, von denen in den Büchern die Rede ist. Manchmal aber konnte ich in der Sitzmeditation mein eigenes Sitzkissen sehen. Ich verweilte in weißem Licht oder in einem Licht ohne jede Farbe; erst nach mehr als einem Jahr auf diese Weise sah ich undeutlich, wie mein Zentralkanal, mein linker und mein rechter Kanal erschienen. Ich sah meine inneren Organe, meine Gliedmaßen und die hundert Energiebahnen und hörte meinen Herzschlag wie Donner. Das Geräusch des strömenden Blutes glich einem kleinen Fluss, der plätschernd sein Lied sang, dazu das Geräusch der Erdrotation, das Echo der weiten Leere des Kosmos und das Geräusch des eigenen Atems; zugleich roch ich den üblen Gestank, der aus den Poren meines ganzen Körpers drang, und fand, dass der menschliche Körper wahrlich äußerst grob und unzulänglich ist. In dieser Zeit empfand ich eine tiefe Ernüchterung gegenüber der Welt, und in mir erwachte ein starker Wunsch nach Entsagung. Mit der Vertiefung meiner meditativen Versenkung wurde meine Aufmerksamkeit immer konzentrierter; ich ließ mich von den genannten Dingen nicht mehr stören, doch stiegen weiterhin Gedanken auf. Eines Tages spürte ich plötzlich, dass meine Lungenatmung zum Stillstand gekommen war. Damals traten an meinem Scheitelrad und im Unterbauch wiederholt Schildkröten-und Embryonalatmung auf. Nach einiger Zeit wurde die Gegend am Scheitelrad in Abständen von einigen Minuten immer wieder kühl. In einem weiteren Schritt verschwand die Embryonalatmung, und es schien, als verweile ein Qi an der Brustwirbelsäule; es befand sich nicht im Zentralkanal, sondern in der Wirbelsäule. Dieses Qi war verdichtet und reglos und konnte einen ohne Essen, Trinken und Atmen auskommen lassen, als ob man beliebig lange sitzen könnte. Sobald die Atmung aufgehört hatte, konnten keine zerstreuten Gedanken mehr aufkommen. Nachdem die Embryonalatmung eine Zeitlang bestanden hatte, öffnete sich das Tummo-Feuer, und der Unterbauch wurde warm. Zu diesem Zeitpunkt wirkten das kontemplative Gewahrsein – also die klare Wahrnehmung der aufsteigenden Gedanken – und die meditative Versenkung zusammen. Mit dem Erscheinen des Wärmezeichens setzte der wahre Atem ein, und man spürte nur noch, wie der gesamte Energiekanal von einer dichten, kraftvoll strömenden Urkraft erfüllt war. Der ganze Körper war warm und weich, überaus wohlig, und zugleich erfüllte unvergleichliche Freude den Geist. Dies ist ein kleiner Teil der physiologischen Veränderungen in meiner Kultivierung und Verwirklichung. Ich glaube, dass diese Erfahrungen bei jedem Menschen im Verlauf der Kultivierung und Verwirklichung auftreten können. Die physiologische Umwandlung befördert zugleich die psychische Umwandlung und läutert dadurch die Gewohnheitsenergien und öffnet den Zugang zur Weisheit. Was die Ansammlung der Energie, welche die physiologische Umwandlung bewirkt, betrifft, so ist neben der Fähigkeit der meditativen Versenkung vor allem die Weite des Geistes von Bedeutung. Einst las ich in buddhistischen Sutras, dass in einer Körperpore eine Welt existiert; ich konnte diese Stufe nicht verstehen und dachte, wie groß müsste der Körper dann sein, und wie wäre es möglich, in einem einzigen Augenblick den Zustand jeder Pore und jeder Welt zu sehen. Als ich diese Stufe in einer meditativen Versenkung plötzlich selbst erfuhr, fühlte ich mich wie ein großer, runder Spiegel und sah, wie in jeder Pore meines physischen Körpers ein Vajra-Wesen saß oder stand; Gesichtsausdruck und Gebärde eines jeden Vajra-Wesens waren deutlich zu erkennen. Die dreitausend großen tausendfachen Welten zu sehen war, als läge eine Frucht in meiner Handfläche – mit einem einzigen Blick war alles klar. Das Wichtigste war, dass ich erkannte: Der eigene Körper wurde nicht größer, sondern die Weite des Geistes umfasst die Große Leere; sie ist so groß, dass nichts außerhalb ihrer liegt, und so klein, dass nichts innerhalb ihrer liegt. Obwohl ich die Aufzeichnungen in den buddhistischen Sutras zuvor gesehen hatte, waren sie stets wie Rauch und Wolken, die am Auge vorüberziehen. Doch eine einzige wahrhafte Erfahrung ließ mich mein Leben lang davon zehren. In jenem Augenblick erkannte ich wahrhaftig, dass dieser physische Körper samt seiner Bezeichnung ein falsches Ich ist, und ich sah das ursprüngliche Antlitz des wahren Ich. Plötzlich erschlossen sich mir Chan-Koan wie „Eine Nonne ist eben aus einer Frau gemacht“ oder „Die Nasenlöcher zeigen eben nach unten“ in ihrer ganzen Klarheit, und ich konnte nicht anders, als in schallendes Lachen auszubrechen. Als ich aus jener Versenkung hervorging, weinte ich – aus tiefer Dankbarkeit gegenüber meinem gütigen Meister und gegenüber dem Mitgefühl aller Buddhas und Bodhisattvas!

Im Jahr 2001 teilte mir mein Meister mit, dass ich nach Guangzhou kommen sollte. Diesmal setzte er keine bestimmte Aufenthaltsdauer fest, und ich wusste in meinem Herzen, dass ich für lange Zeit von zu Hause fortbleiben würde. Mein Freund sagte zu mir: „Du hast dich in den letzten Jahren deiner Praxis viel zu wenig um deine Familie gekümmert, und jetzt willst du schon wieder nach Guangdong, tausend Meilen von hier entfernt, und lässt deine Eltern um dich sorgen und bangen. Wie das Sprichwort sagt: ‚Solange die Eltern leben, reist man nicht in die Ferne.‘ Ist das nicht zu egoistisch von dir?“ Ich antwortete ihm: Es gibt viele Wege, Dankbarkeit zu erweisen. Ich habe mehr als zwanzig Jahre mit meinen Eltern zusammengelebt, und doch haben sie nicht aufgehört zu sorgen, nicht aufgehört zu leiden und nicht aufgehört, von Krankheit und Schmerzen gequält zu werden, nur weil ich an ihrer Seite war. Unzählige Male musste ich hilflos mitansehen, wie meine Eltern im Strudel ihrer Sorgen kämpften. Sie sind beide über sechzig, ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit im Leben. Ich weiß nicht, ob sie am Ende ihres Lebens im Reinen Land des höchsten Glückseligkeit, auf das sie hoffen, wiedergeboren werden können. Ich glaube fest an Ursache und Wirkung. Für mich bedeutet wahre kindliche Pietät, meine Eltern aus dem Samsara zu befreien, damit sie in all ihren künftigen Leben nicht länger von Sorgen geplagt werden.

Obwohl ich das so sagte, rang ich im Stillen mit mir, als ich beim Aufbruch meine betagten Eltern und mein kleines Kind ansah. Ich konnte ihnen nur das gesamte Verdienst meiner Praxis widmen- ebenso wie jenen Menschen, die mir Hilfe und Liebe geschenkt hatten …

In Guangzhou spürte ich ihre Weite und Offenheit, und ich begann, diese Stadt zu mögen.

In Guangzhou knüpfte ich durch meine ärztliche Tätigkeit Verbindungen zu den Menschen. Ein halbes Jahr später fasste ich den Entschluss, in einem Kloster in einer Gegend von Guangdong beim Aufbau eines Ortes der Praxis zu helfen, doch aus verschiedenen Gründen kam es anders, als ich es erhofft hatte. Ich fragte mich: Meine Absicht war doch gut – warum aber ließen die Buddhas und Bodhisattvas ihre Segenskraft nicht walten, sodass diese widrige Umstände überhaupt erst entstehen konnten? Als ich meine aufsteigenden Gedanken genau prüfte, entdeckte ich, dass ich an bestimmten ‚Bedingungen’ festhielt: Ich fand nur, dass ich mit manchen Meistern eine karmische Verbindung hatte, und das Kloster war obendrein ein Ort der Praxis, der mir gefiel. Sobald man anhaftet, weicht der eigene Geist vom Weg ab – natürlich reifen dann widrige Umstände. Früher glaubte ich, nur dort, wo ‚der Weg’ gegenwärtig sei, können ein Ort der Praxis sein; in Wahrheit hing ich an bestimmten ‚Bedingungen’: hing an Reinheit und Erhabenheit, an sichtbarer Kultivierung und Verwirklichung, an bedingten Phänomenen. Als ich aus dem Kloster hinaustrat, wurde mir mit einem Schlag klar: Wo im großen dreitausendfachen Weltsystem gäbe es keinen Ort der Praxis, wo keine Verkörperung des Weges? ‚Eine Blume, eine Welt; ein Blatt, ein Tathagata.’ Das hatte ich früher schon gesprochen, doch nie so tief erfahren wie in jenem Augenblick. Zurück in der geschäftigen, lärmenden Welt fühlte ich mich wie ein Fisch im Wasser. Gerade die staubige Welt ist der größte und vollkommenste Ort der Praxis – denn nur aus dem Schlamm kann die heilige, reine Lotosblüte erwachsen. Ein wahrhaft vollkommener Mensch kann mit einem einzigen aufsteigenden Gedanken die drei Welten beeinflussen. Der Ort seiner Praxis liegt in seinem Körper, seiner Rede und seinem Geist. Vor einem einzigen Menschen zu lehren oder vor Zehntausenden – es gibt keinen Unterschied. Wenn du selbst zur Verkörperung des Weges geworden bist, predigen all deine aufsteigenden Gedanken den Dharma; sprichst du, so soll es wie ein Löwengebrüll erklingen – wie könnte es da noch so etwas wie ‚Dharma-Verbreitung’ geben?

Jetzt habe ich in Guangzhou bereits viele Freunde, und fast immer stellen sie mir dieselbe Frage: Warum bist du nach Guangzhou gekommen? Manchmal suche ich mir ein paar Ausreden, um sie abzuwimmeln, aber hier möchte ich sagen: Wenn du einen Augenblick verstehst, was Gleichheit, universelle Liebe und Mitgefühl bedeuten, dann haben all deine Handlungen keinen Grund mehr, und du fragst deinen Meister nicht mehr, warum. Während der gesamten Praxis können wir Familie, Karriere, Freunde, Ruhm und Gewinn und all die anderen äußeren Dinge loslassen, doch am Ende müssen wir feststellen, dass wir uns selbst nicht loslassen können! Der Prozess des Durchbrechens der Ich-Anhaftung ist ein Prozess, in dem man mit eigenen Augen zusehen muss, wie man stirbt und neu geboren wird. Erst das ist die wahrhaft vollkommene Frucht der Buddhaschaft. Um diese Stufe zu erreichen, musst du in die Ebene der universellen Liebe und der großen liebenden Güte und des großen Mitgefühls eintreten, sonst wirst du niemals vollkommen. In jener Qualität des Nicht-Selbst sind alle Handlungen nur das Bedürfnis von Ursachen und Bedingungen.

Im März dieses Jahres vollendete ich die letzte große Stätte des chinesischen Buddhismus – den Berg Jizu in Yunnan. Wir waren fünf Personen und übernachteten zunächst in einem kleinen Kloster am Fuß des Berges, dem Fangguang-Tempel, und am nächsten Tag gingen wir zum Huashou-Tor. Der Weg war ziemlich beschwerlich. Als wir einen kleinen Tempel erreichten, waren wir alle außer Atem. Ich sah am Tempeltor die Worte „Jede Bitte wird erhört“ und dachte, dass im Tempel wohl Bodhisattva Guanyin verehrt würde. Als ich hineinging, sah ich jedoch, dass die Statue nicht wie die üblichen Darstellungen von Bodhisattva Guanyin in den Tempeln aussah. Ich dachte mir: Egal, welcher Bodhisattva das ist, ich will ihn um etwas bitten. Es war das erste Mal, dass ich bei den unzähligen Tempeln, die ich bereits besucht hatte, mit so großer Hingabe, so tiefem Respekt und ohne einen einzigen zerstreuten Gedanken darum bat, dass der Bodhisattva meine Eltern beschützen und gesund erhalten möge, und ich war bereit, das Verdienst meiner eigenen Praxis meinen Eltern zuzuwenden. Plötzlich strahlte die Statue vor mir in hellem goldenem Licht. In der Luft erschien die majestätische Erscheinung des Ehrwürdigen Kasyapa. Er sagte: „Ich werde deinen Wunsch erfüllen!“ Da sah ich auch meine Eltern in der Luft erscheinen. Der Ehrwürdige goss das Wasser der acht Tugenden vom Fuß des Berges über ihre Scheitel, und dann verschwand das Bild. In diesem Augenblick wurde mir plötzlich klar, dass wir bereits am Huashou-Tor angekommen waren. Tatsächlich befand sich hinter dem kleinen Tempel die Höhle, in der der Ehrwürdige Kasyapa in seiner körperlichen Gestalt in der Welt verweilt und in Versenkung sitzt. Ich setzte mich still vor dem Höhleneingang nieder, und als ich in meditative Versenkung versank, sah ich am Höhleneingang einen Dharma-Wächter stehen, der sich auf ein großes Schwert stützte; auf seiner linken Schulter saß ein großer weißer Vogel. Dieser Vogel ist der Bote des Ehrwürdigen Kasyapa; er geleitet oft Wesen mit karmischer Verbindung zum Ehrwürdigen Kasyapa. Die Höhlentür öffnete sich, und der Wächter am Eingang bat mich hinein. Im Inneren war die Höhle sehr geräumig; ein Lichtstrahl fiel schräg von oben herab. Ich folgte der Richtung des Lichts etwa zehn Schritte weit und erblickte den Ehrwürdigen Kasyapa, der ein graues langes Gewand trug, eine Gebetskette in der Hand hielt, groß gewachsen war und ganz gelassen und friedvoll dort stand. Als er sah, dass ich mich beim Gehen nach allen Seiten umsah, sagte er nur ruhig: „Schau dich nicht um, in meiner Höhle gibt es nichts. Geh aus der Höhle hinaus und weiter nach oben, dort gibt es ein sehr gutes vegetarisches Mahl.“ Ich lächelte ebenfalls, wandte mich um und ging.

Nachdem ich die Höhle verlassen hatte, merkte ich, wie ausgehungert ich wirklich war, und auch die Begleiter waren völlig verhungert. Nachdem wir uns in einem vegetarischen Restaurant satt gegessen hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Als wir am Huashou-Tor vorbeikamen, spürte ich plötzlich den Wunsch, dem Ehrwürdigen Kasyapa Lebewohl zu sagen. Ich sah, wie der Ehrwürdige Kasyapa aus der Höhle trat, als wolle er sich zu einer weiten Reise aufmachen, und verabschiedete mich von ihm – doch er winkte mir nur zu. Das sollte heißen: Geh nur. Da fühlte ich mich ein wenig gekränkt. Ich dachte: Wir sind so weit gereist, um dich zu verehren – du könntest uns doch wenigstens etwas sagen, so etwas wie eine Unterweisung. Kasyapa hatte meine Gedanken längst verstanden. Er sagte: „Wann bist du je gekommen, und wann bist du je gegangen?“ Ich stand da, sah dem Ehrwürdigen nach und konnte nur seufzen und über meine eigenen Gewohnheitsmuster und Anhaftungen lachen. Wir sind stets unfähig, im Gewöhnlichen zu verweilen; immer suchen wir mit einem anhaftenden Geist nach irgendetwas und begreifen nicht, dass das Gewöhnliche die wahre Bedeutung des Weges ist – nichts ist je gekommen, nichts ist je fortgegangen. Und woran sollte ich da noch festhalten?

Hier denke ich daran, dass ich, als ich gerade in Guangzhou angekommen war, zuerst zum Nanhua-Tempel ging, um den Fleischesleib des Sechsten Patriarchen zu verehren. Ehrfürchtig kniete ich vor dem Fleischesleib des Sechsten Patriarchen nieder, verneigte mich einige Male und starrte dann unverwandt auf das Bildnis des Sechsten Patriarchen, um zu sehen, wie der Sechste Patriarch ausgesehen hatte. In diesem Augenblick verwandelten sich plötzlich die drei Fleischesleiber in der großen Halle in drei Bodhisattvas. Sie sahen mich an, lächelten einander zu, und ich sagte: „Seid gegrüßt, ihr drei Bodhisattvas! Meister Sechster Patriarch, ich möchte fragen: Worin besteht denn eigentlich das von Patriarch Bodhidharma überlieferte Dharma des Geistes der Chan-Schule?“ Da lächelte der Sechste Patriarch, und man sah, wie aus seinem Geist plötzlich ein weißes Licht hervortrat, das im Nu die gesamte Halle erfüllte. In der Halle erschienen unzählige leuchtende Photonen, die dahinstromten, und in den Photonen befanden sich unzählige, große und kleine Schriftzeichen „心“ (Geist). Ich wurde von einem mächtigen Feld umhüllt und fühlte, wie ich allmählich verschwand. Ich wurde zu einem Sein. Über allem stehend, war ich da, und zugleich fühlte ich, wie ich mit den Photonen dahinstromte und zu einem freudigen Fließen wurde. Photonen und Geist drehten sich. Ich wurde gereinigt und durchspült. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis ich aus diesem Zustand zurückkehrte; die große Halle war wieder zur Ruhe gekommen. Das Fleischesleib-Bildnis des Sechsten Patriarchen saß wieder aufrecht an seinem Platz — keine Bodhisattvas, kein Geist. Ich erhob mich, und in dem Augenblick, als ich die Halle verließ, stieg plötzlich eine Wehmut in mir auf: Ich wollte mich noch einmal umdrehen, um den Fleischesleib des Sechsten Patriarchen anzusehen, und zugleich keimte ein leiser Zweifel an der eben erlebten Sphäre in mir auf. Doch als ich mich umdrehte und hinschaute, sah ich den Sechsten Patriarchen hinter seinem eigenen Fleischesleib-Bildnis stehen; mit einem Fuß stieß er seinen Fleischesleib vom Opfertisch herab und riss sich zudem mit der Hand den roten Stoffstreifen vom Kopf. Ich fühlte, wie die gesamte Halle erbebte und unzähliger Staub von der Decke herabrieselte. Wenn mein Geist auch nur einen Augenblick länger verweilt hätte, so spürte ich, hätte der Sechste Patriarch die gesamte Halle niedergerissen. Ich wandte mich ab und ging schließlich ohne jede Bindung davon.

Meine Erfahrungen auf dem Weg der Praxis enden hiermit. Ich habe nicht niedergeschrieben, welche Einsichten ich dabei gewonnen und was ich erlangt habe; ich habe nur wahrheitsgemäß festgehalten, was ich gesehen und gehört habe, sowie einige körperliche Erfahrungen. Weil jeder Mensch andere Wurzeln hat, sind auch die Stufen und Erfahrungen der Praxis unterschiedlich. Und jeder Mensch ist einzigartig – es gibt kein besseres Dharma-Tor und keine großartigere Praxis-Erfahrung! Der über zehn Jahre währende Weg der Praxis hat mich nur immer mehr gelehrt, was wahre Gewöhnlichkeit bedeutet; dadurch kam mein wilder Geist mit einem Schlag zur Ruhe, und ich arbeite, lebe und lerne nun umso bodenständiger, lebe vollkommen im gegenwärtigen Augenblick und genieße jeden Moment des Lebens mit ganzer Hingabe. Für mich sind Öffnen und Schließen der Augen gleichermaßen Zustände; dieses Ich, das kultiviert und verwirklicht, jene Frucht, die erlangt wird, und die vier Dhyanas und acht Samadhis sind nichts weiter als illusorische Zustände. Wenn der Geist ohne Unterscheidung bleibt und du den Umständen folgend frei bist, erst dann erkennst du wahrhaft die wahre Bedeutung des Ewigen. Ich hoffe, dass kein Mitpraktizierender, der das Buddha-Dharma kultiviert und verwirklicht, voreilig etwas bejaht oder verneint und auch nicht leichtfertig die Ergebnisse der Kultivierung anderer als seine eigene Sichtweise übernimmt. Wähle wirklich ein Dharma-Tor und vertiefe dich mit Körper und Geist in die praktische Übung. Du musst unbedingt selbst den Geschmack des Dharma kosten, erst dann kannst du wahren Nutzen erlangen. (Ende)

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