Das Herz öffnen, familiäre Konflikte lösen
Wenn du auf deinem Weg der Praxis einen Ehemann oder eine Ehefrau hast, der oder die mitpraktiziert, dann ist das deinem karmischen Segen und Verdienst zu verdanken. Es bedeutet, dass die guten Bedingungen für deine Praxis herangereift sind. In diesem Fall ist der Widerstand gegen deine Praxis viel geringer. Die meisten Laienpraktizierenden stoßen jedoch auf Ablehnung und Hindernisse durch ihre Familienmitglieder. Das erfordert von uns, nicht zu sehr an den formalen Aspekten der Praxis festzuhalten. Wir müssen bei den Regungen unseres eigenen Geistes ansetzen und lernen, unsere Familie mit Verständnis und Toleranz zu behandeln. Da wir gerade erst mit der Praxis begonnen haben, sind unsere Gewohnheitstendenzen noch sehr stark. Wenn wir uns dann an die Praxis klammern, geht das unweigerlich auf Kosten der Familie. Zum Beispiel muss dein Partner oder deine Partnerin wegen deiner Praxis viel mehr für den Haushalt und die Kinder aufbringen. Ganz gleich, wie edel unsere Ausreden auch klingen mögen, unser Verhalten ist im Grunde extrem egoistisch. Deshalb musst du unbedingt lernen, die Vorwürfe der Menschen in deinem Umfeld zu ertragen. Ohne deine Praxis zu beeinträchtigen, musst du deine Liebe verdoppeln und dich um deinen Partner und deine Mitmenschen kümmern. Hab keine Angst davor, dass diejenigen, die nicht praktizieren, denken könnten, du wolltest nur Schuld abarbeiten. Lass ihnen diesen inneren Ausgleich. In Wirklichkeit sammelst du genau durch dieses Verhalten Verdienste an und verwirklichst in eben diesem Prozess den Buddha-Dharma.
Ein Beispiel: In meinen ersten Jahren der Praxis stieß ich auf großen Widerstand von meinem Mann und seiner Familie. Mein Meister gab mir zwei Dinge mit auf den Weg: Erstens, wenn andere dir Vorwürfe machen, bewahre die Tugend der Geduld. Streite nicht darüber, wer recht oder unrecht hat, sondern betrachte es als etwas, das du zu tragen hast. Zweitens, du musst die anderen lieben – ohne Groll und ohne Reue. Davon habe ich ungemein profitiert. Um ehrlich zu sein, haben wir doch noch nie jemanden wirklich völlig ohne Groll und ohne Reue geliebt. Als ich versuchte, den zweiten Punkt in die Tat umzusetzen, erkannte ich erst, wie viel Groll ich eigentlich gegen meinen Mann hegte. Ich nahm ihm übel, dass er mich nicht verstand; ich nahm ihm übel, dass er spät nach Hause kam; dass er sich nicht um mich kümmerte; dass er sich im Ton vergriff; dass er nicht genug Zeit mit mir verbrachte; dass er womöglich fremdging und so weiter… Es gab so unzählig viele Dinge, für die ich ihm insgeheim Vorwürfe machte. Von dem Moment an, ganz gleich, was mein Mann tat, beobachtete ich einfach nur schweigend. Sobald in meinem Herzen ein Gedanke von Groll aufstieg, erinnerte ich mich daran, was ich dem Meister gesagt hatte: dass ich ihm nie wieder für irgendetwas Vorwürfe machen würde. Am Anfang, als ich versuchte, ihn nicht mehr verantwortlich zu machen, war ich äußerlich ruhig. Aber innerlich fühlte es sich an, als wäre ich ans Kreuz genagelt – ein unaussprechlicher, stummer Schmerz. Aber ich hielt mich unentwegt an diesen einen Satz meines Meisters fest: Ohne Groll und ohne Reue.
Mit der Zeit entdeckte ich: Solange ich den anderen nicht für alles verantwortlich mache, bereue ich auch meine eigenen Entscheidungen nicht. Diese Worte sind einfach fantastisch! Aus dieser Grollosigkeit meinem Mann gegenüber begann ich, auch gegenüber jedem anderen Menschen in meinem Umfeld keinen Groll mehr zu hegen. Mein Herz wurde immer weiter und offener. Mein bloßes Ertragen verwandelte sich in Toleranz. Eines Tages erschien mein Mann in meinen Augen plötzlich absolut makellos. Und nicht nur er, alle Menschen um mich herum wurden auf einmal vollkommen. Sie wirkten alle so liebenswert auf mich; sie alle waren Buddhas und Bodhisattvas. In einem einzigen Augenblick erfuhr ich das Gefühl universeller Liebe. Diese Liebe erfüllte mein ganzes Herz. Sie verringerte sich für niemanden auch nur im Geringsten; sie drückte sich gegenüber meinem Mann, meinen Kindern, meinen Eltern und meinen Freunden lediglich auf unterschiedliche Weise aus. Diese Art von Liebe ist so vollkommen und ewig. Sie ist eine innewohnende Qualität – sie nimmt weder zu noch ab, sie ist weder befleckt noch rein. Diese augenblickliche Vollkommenheit des Herzens ließ mich endlich erfahren, was ewige, dauerhafte Liebe bedeutet. Diese Liebe entspringt in uns selbst, und sie ist es, die uns die größte und ultimativste Erfüllung schenkt. Mein Meister sagte zu mir: “Was du da erfahren hast, ist die universelle Liebe, das ist das große Mitgefühl. Das ist die ursprünglichste und zugleich die höchste Qualität eines jeden Menschen.” Das endlose Greifen aller fühlenden Wesen mit all ihren Begierden ist in Wahrheit nichts anderes als die Suche nach genau dieser Liebe, die Sehnsucht nach dieser Liebe! Und nur diese Liebe kann die fühlenden Wesen jemals vollkommen und endgültig befriedigen.